Kriegsende: Das "Wunder von Remagen"
General-Anzeiger Bonn (Journal) vom 5./6. März 2005

Nur die Türme und das Friedensmuseum erinnern noch an die Ludendorffbrücke zwischen Remagen und Erpel. Als die Amerikaner sie vor 60 Jahren eroberten, war das Kriegsende nah


Ruine: Ein amerikanisches Landungsboot vor den Überresten der Ludendorffbrücke. Die von US-Truppen eroberte Rheinquerung stürzte am 17. März 1945 ein (Foto: Keystone, ap)

Rheinwasser plätschert gegen den verwittert wirkenden Pfeiler. Das "Friedensmuseum" in dem Brückenturm auf der Remagener Seite ist noch geschlossen. Winterpause bis zum 7. März. An der zum Fluss zeigenden Wand hängt ein großes weißes Schild mit einer kurzen Schilderung der damaligen Ereignisse. Die Brücke sei ihr Gewicht in Gold wert, wird der amerikanische General und spätere US- Präsident Dwight D. Eisenhower zitiert. Zwei amerikanische Touristen fotografieren die Brückenreste, stehen eine Weile stumm vor dem Schild und bedauern, dass das Museum geschlossen ist.

"Die Brücke von Remagen", ein Mythos aus dem Zweiten Weltkrieg, verfilmt, immer wieder Anlass zu verschiedenen historischen Deutungen. Anziehungspunkt für Kriegsveteranen, die noch einmal in Erinnerungen schwelgen, in den beiden Brückentürmen stille Zeugen des Krieges sehen, sie als Mahnmal für den Frieden begreifen.

Die Amerikaner waren entschlossen, keinen planmäßigen Großangriff zur Zerstörung der Rheinbrücken durchzuführen. Dies ermöglichte es den Deutschen, im Januar und Februar 1945 starke Kräfte über den Rhein zurückzuführen. Als sich dann die Alliierten dem Fluss näherten, wurden die schon bei Kriegsausbruch zur Vernichtung vorbereiten Brücken bis auf eine Ausnahme gesprengt - die Eisenbahnbrücke bei Remagen, benannt nach General Erich Ludendorff. Fertiggestellt 1918, bestand die Brücke aus einem Mittelbogen von 155 Meter Länge, gestützt auf zwei Steinpfeiler im Strom und mit den Ufern verbunden über zwei so genannte Fachwerkskastenträger von je 85 Metern Länge.


Im Tunnel durch die Erpeler Ley beobachten Soldaten und Zivilisten, sie die Amerikaner heranrücken. Der Versuch, die Brücke zu sprengen, missglückt (Foto: Keystone, ap)


Am 17. März 1945 sinkt die von Sprengversuchen und Bombardierung ramponierte Eisenbahnbrücke in sich zusammen. 28 GIs kommen dabei ums Leben
(Foto: picture-alliance/dpa)


Durchmarsch: US-Soldaten überqueren den Rhein Richtung Osten - ihnen entgegen kommen Kriegsgefangene, auf dem Weg zum Leidenslager "Goldene Meile" am Rhein bei Remagen (Foto: dpa)


Karl H. Timmermann führte den ersten US-Trupp über die Brücke (Foto: Nationalarchiv Washington/Repro: Ronald Friese)

Um den 6. März herum wurde die Situation der Deutschen im Gebiet um Remagen kritisch. 16 Kilometer nordöstlich der Brücke hatte eine Kompanie des 27. US-Panzerinfanteriebataillons die Nacht in Meckenheim verbracht. Die Stadt war am 2. und 5. März schwer bombardiert worden. Ziel der Amerikaner war Remagen. Die Abfahrt der amerikanischen Kolonne verzögerte sich, weil ein Schutthaufen die südliche Ausfahrstraße Meckenheims blockierte. Als der Schutt weggeräumt war, fuhren die Halbkettenfahrzeuge ohne Zwischenfall durch Adendorf und Arzdorf. Am Eingang von Fritzdorf kam es zu einem kurzen Feuergefecht. Eine Gruppe deutscher Soldaten ergab sich. Weiter ging der Weg durch die kleinen Orte Oeverich mit einem Panzerfaust-Zwischenfall, Niederich, Leimersdorf, Birresdorf und Plattborn. Am kleinen Gasthaus "Waldschlösschen" fragte US-Lieutenant Karl H. Timmermann die Wirtin nach deutschen Soldaten. Es waren keine da.

Hinter einem Waldstück blickte der GI dann auf den Rhein herunter. Zu seiner Verwunderung war die Brücke von Remagen intakt. Nun ging alles sehr schnell. Unter Deckung der 90-Millimeter-Geschosse amerikanischer Panzer stürmten die Amerikaner Remagen. Die Deutschen zündeten eine vorbereitete Kraterladung und rissen so eine mehrere Meter breite Lücke in die Zugangsrampe der Brücke.

Die Amerikaner beobachteten am jenseitigen Ufer die deutschen Vorbereitungen für eine Sprengung. Sie erkannten die Chance, die Brücke zu erobern.

Der deutsche Hauptmann Karl Friesenhahn zündete die elektrische Sprengladung. Es passierte nichts. Offenbar war der Stromkreis unterbrochen. Der Offizier suchte einen Freiwilligen, der rund 75 Meter auf der Brücke an den Gleisen entlang zur Notzündung kriechen sollte. Es meldete sich ein Unteroffizier. Unterdessen lag die Brücke unter ständigem amerikanischen Beschuss. Dem deutschen Soldaten gelang es, die Zündschnur zu erreichen und zu zünden. Die Explosion war ohrenbetäubend. Als der Rauch sich verzogen hatte, war die Überraschung auf beiden Seiten groß. Die Brücke stand noch.

Da führte Timmermann seine Männer auf die Brücke. Gegenüber ratterten Maschinen- gewehre. Es war kurz nach 16 Uhr. Sergeant Joe DeLisio war der erste Soldat, der den rechten Turm erreichte und Alex Drabik gilt als der erste Amerikaner, der die Brücke voll überquert hat. Zwischenzeitlich waren 120 Soldaten auf der anderen Seite. Es begann die Eroberung der Erpeler Ley. Um 17.30 Uhr ergaben sich die restlichen deutschen Soldaten im Tunnel. Die Amerikaner ließen einen ersten Panzer über die Brücke fahren. Es war gewagt, gelang aber.


Guter Ausblick auf die Brücke: US-Soldaten sichern am 9. März 1945 auf der Erpeler Ley den Nachschubweg für die Truppen (Foto: Nationalarchiv Washington/Repro: Ronald Friese)


Im Februar 2004 entschärfen Experten bei Remagen eine 20-Zentner-Bombe
(Foto: dpa)

General Eisenhower saß mit Kommandeuren der amerikanischen Luftwaffe in Reims im US- Oberkommando beim Mittagessen, als ihn per Telefon die Nachricht von der Überquerung erreichte. General Bradley informierte ihn. In seinen Erinnerungen schrieb der Oberbefehlshaber: Als er berichtete, dass wir eine permanente Brücke über den Rhein haben, glaubte ich meinen Ohren kaum glauben zu dürfen." Und: "Ich brüllte fast ins Telefon: Wieviel haben Sie in der Umgebung, das Sie über den Fluss werfen können?" Es waren mehr als vier Divisionen. Innerhalb von 24 Stunden wurde der amerikanische Brückenkopf rechts des Rheins auf 8.000 Soldaten und binnen einer Woche auf 25.000 Mann erweitert.

Die Amerikaner legten schwere Planken über den Mittelbogen, um die Brücke für Radfahrzeuge passierbar zu machen. 200 Meter stromabwärts wurde in Tag- und Nachtarbeit eine Pontonbrücke gebaut. Immer wieder versuchte die deutsche Luftwaffe, Brücke mit Bomben zu zerstören. Remagen erlebte unterdessen die in diesem Krieg größte Konzentraion von Flaktruppen und Artillerie. Am 17. März versuchten Elitesoldaten der Kampfschwimmer, Sprengladungen an der Brücke anzubringen. Sie hatten aber keine Chance.

17. März 1945. 15 Uhr. Als rund 200 Pioniere auf der Brücke arbeiteten, knackte sie plötzlich laut. Sie zitterte, schwankte – und stürzte in den Rhein. Bis heute gibt es keine unzweifelhaften Beweise, warum sie einstürzte. Man geht von starken Vibrationen aus, unter anderem durch die schwere Artillerie. Die Brücke hatte aber auch zahlreiche Baumängel. 28 GIs kamen bei dem Einsturz ums Leben. Adolf Hitler soll nach der Einnahme der Brücke getobt haben. Ein Standgericht ließ vier deutsche Offiziere hinrichten.

Über die Pontons konnten die Amerikaner weiterhin den Rhein überqueren. Im Osten war die Wehrmacht längst in die Verteidigung gedrängt. Die Soldaten im Kessel von Wesel ergaben sich. Ende März standen die ersten Verbände der Roten Armee in Österreich. Nach dem Handstreich von Remagen zerbröckelte die Front im Westen. Bei Wesel bildeten die englischen Truppen unter Bernhard Montgomery einen Brückenkopf auf dem rechten Rheinufer als Ausgangspunkt für den Vorstoß in die Norddeutsche Tiefebene. Eisenhower änderte das Ziel des alliierten Vormarschs und überließ Berlin der Roten Armee.

Nach Kriegsende, das durch die Eroberung der Brücke in Remagen strategisch beschleunigt wurde, lag die Brücke innerhalb der britischen Zone. Die Verantwortung für ihre Räumung oblag den Transporteinheiten britischer Pioniere. Die ehemalige Eisenbahnbrücke legte die Schifffahrt lahm. Am 23. Juni 1945 wurde mit Wasserbomben eine Durchfahrt gesprengt. Sie wurde ständig verbreitert. Bis Ende 1948 waren alle Stahlteile aus dem Rhein gehoben. Die deutsche Bundesbahnbehörde beschloss, die Brücke nicht wieder aufzubauen.

Der damalige Bürgermeister von Remagen, Hans Peter Kürten, sprach sich schnell dafür aus, beide Türme als symbolisches Andenken an das "Wunder von Remagen" zu bewahren. Als 1976 die Strompfeiler entfernt wurden, ließ Kürten einzelne Steine als Erinnerungsstücke verkaufen. So kam ein Teil des notwendigen Geldes für das Erinnerungsmal zusammen: 70.000 Mark. Am 7. März 1980, dem 35. Jahrestag der Eroberung der Brücke, wurde einer der beiden Türme eröffnet.

Wie hatte General Eisenhower gesagt? Die Brücke sei ihr Gewicht in Gold wert. Das war natürlich übertrieben. Aber von ihrer strategischen Bedeutung zeugen noch heute die Exponate im Friedensmuseum und die Erinnerungen der amerikanischen Veteranen, die immer noch kommen.

Text: Eckehard Kohrs


Anm. Webmaster: Über den Wahrheitsgehalt des folgenden Sachverhalts – auch wenn seit Jahrzehnten immer wieder so berichtet wurde – sind die Zeitzeugen unterschiedlicher Meinung. Ich glaube, dass es sich bei dem folgenden Bericht um die Zusammenfassung eines Artikels im GA Bonn anlässlich des 55. Jahrestages zum Kriegsende handelt und dieser nicht neu recherchiert wurde.
Das schließe ich aus der Tatsache, dass in beiden Berichten der tote Zivilist als Willi Felten <richtig wäre Willi Feldens> bezeichnet wird. Zu folgender Erinnerung siehe auch einen älteren Artikel des Unkeler Reporters Zeitzeugen erinnern sich an den März 1945 – dort besonders der Hinweis auf das Buch "Die Brücke von Remagen" <1985> von Rolf Palm.
Gegenteilige Aussagen sind nachzulesen im Bericht des Unkeler Reporters vom 10. März 2005
"Vor 60 Jahren überquerten die Amerikaner bei Erpel den Rhein" .)


ZEIT IM BILD "Stop Firing"

Unerwartete Gespräche vor dem Erpeler Tunnel

Erpel, 7. März 1945. Im Eisenbahntunnel an der Ostseite der Ludendorffbrücke wartet ein Häuflein Zivilisten und Soldaten auf die erlösende Sprengung. Viel Rauch um nichts. Die Brücke hebt sich ein wenig und sackt dann kaum versehrt auf ihre Pfeiler zurück. So erzählt es der Ingenieur Karl Busch aus Erpel, der heute in Sankt Augustin lebt. Busch ist 15 Jahre alt und Flakhelfer auf Erpeler Seite, als die Amerikaner die Brücke überqueren. Ein paar GIs postieren sich vor dem Tunnel und schießen sporadisch hinein. Eine gefährliche Situation, denn, so erinnert sich Busch, "es standen vier mit Munition und Flugbenzin beladene Waggons im Felsen; ein einziger Treffer hätte für eine Explosion ausgereicht".

Der Erpeler Zivilist Willi Felten fasst sich ein Herz und rennt mit einer weißen Fahne auf die GIs zu. Fatal. Ein Bauchschuss streckt ihn nieder. Der einzige Tote, von dem Busch weiß. Ihn stupst eine Frau im Tunnel an: "Geh raus und hol den Willi." Busch zögert – und erinnert sich, wie er sagt, plötzlich an einen Kriegsfilm mit Rene Deltgen. "Stop firing!" brüllt Busch, als er aus dem Tunnel rennt, immer wieder: "Stop firing!"

US-Truppführer Karl H. Timmermann lässt sich tatsächlich auf Gespräche ein. Als die etwa 15 US-Soldaten erfahren, dass knapp 200 Menschen im Bahntunnel stecken, werden sie höllisch nervös. Nervenaufreibende Sekunden. Dann soll der 15-jährige Flakhelfer zurück in den Tunnel und mit einem Offizier wiederkommen. Das gelingt erst nach einer Weile, wie Busch sich erinnert, weil die deutschen Befehlshaber zunächst zögern.

Dann aber kommt es zu Verhandlungen über den Abzug der Menschen im Tunnel, bei denen Busch, so erzählt er, den Dolmetscher spielt. Als alles geklärt ist, wendet Timmermann sich an den jungen Übersetzer: "Gut gemacht!" sagt er in perfektem Deutsch. Der Offizier hatte deutsche Eltern. Erst da, so weiß es der Zeitzeuge Busch noch heute genau, lässt endlich die Angst nach. Wenig später beginnen die US-Transporte über die Brücke.

Text: ila/voa