"Alle auf den Boden,
Ohren zuhalten, Mund auf"
Rheinzeitung vom Samstag, 5. März 2005

Zeitzeugen erinnern sich an den 7. März 1945 –
Am Nachmittag kamen die amerikanischen Soldaten über die Ludendorff-Brücke – Bürger suchten Schutz im "Zwergenloch"


Dem Tunnel – hier ein Bild aus der Bauzeit – kam als Schutzraum besondere Bedeutung zu


So sah die Brücke von Remagen aus, bevor die Amerikaner einmarschierten und das Bauwerk am 17. März 1945 zusammenbrach


Am 7. März 1945 nahmen die Amerikaner die Ludendorff-Brücke ein


Gedenkfeier zum 50-Jährigen: Amerikanische Soldaten konnte Ortsbürgermeister Edgar Neustein (rechts) begrüßen, als 1995 des 50. Jahrestages gedacht wurde

Im Detail
Das "Wunder von Remagen"
Als die Ludendorff-Brücke am 7. März 1945 in amerikanische Hände gefallen war, blieb den Menschen am Ostufer des Rheins ein heftiger Beschuss von der anderen Flussseite aus erspart. Die Eroberung dieser Brücke unter dem deutschstämmigen Leutnant Karl Timmermann - es war die letzte, die überhaupt noch existierte - ging als "Wunder von Remagen" in die Kriegsgeschichte ein. Mehrfach wurde versucht, das Bauwerk zum Einsturz zu bringen – vergebens. Erst am 17. März 1945 brach es zusammen.

Sie war 325 Meter lang und kam in den letzten Kriegstagen 1945 zu ungeahnter Berühmtheit: die Brücke von Remagen. Am 7. März 2005 ist es genau 60 Jahre her, dass die Amerikaner das Bauwerk eroberten und auf der hiesigen Rheinseite einmarschierten.

ERPEL. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Nachricht: Die Amerikaner dringen von der Ahr aus Richtung Remagen vor. Es ist der 7. März 1945, der Widerstandswille der deutschen Wehrmacht ist bereits gebrochen. An diesem Tag überschlagen sich in Erpel, auf der anderen Rheinseite, die Ereignisse. Alle Pioniere sind im Einsatz, ein Hauptfeldwebel kommt angerannt: "Außer Pionieren alles in den Tunnel zurück!" Kurz darauf sind Schüsse zu hören. Viele Erpeler befürchten den Beginn von Kampfhandlungen. Doch das Feuer wird nicht erwidert. Schließlich erfolgt das Kommando: "Die Brücke wird gesprengt! Alle auf den Boden legen, Ohren zuhalten, Mund auf!"

Heute, genau 60 Jahre später, gehen die Erinnerungen vieler zurück an den Tag, der im Nachhinein betrachtet so entscheidend war für das Ende des Zweiten Weltkriegs. Es war der Tag, an dem das "Wunder von Remagen" geschah, als durch die Eroberung der Brücke, die Remagen und Erpel verband, der Kriegsverlauf um Monate verkürzt wurde. Etliche Zeitzeugen leben noch, können berichten, was 1945 geschah. Der Erpeler Ortsbürgermeister Edgar Neustein hat sie gebeten, ihre Erinnerungen zu Papier zu bringen. Entstanden sind auf diese Weise teilweise regelrecht erschütternde geschichtliche Dokumente, immer persönlich gefärbt und dadurch so authentisch.

Es herrschte Chaos

Anneliese Eichler, die damals Schlösser hieß, ist eine von ihnen. Sie weiß noch genau, was am 7. März passierte. Sie hatte mit vielen anderen Schutz im nahe gelegenen Eisenbahntunnel gesucht. "Da es keinen Luftangriff gegeben hatte, wollten wir ans Tageslicht und gingen zum Tunneleingang an der Brücke. Dort erlebten wir das Chaos flüchtender deutscher Soldaten, größtenteils verwundet, und Zivilisten unter anderem mit Pferdegespannen und Wagen voll Habseligkeiten, die sie in Sicherheit bringen wollten."

Wörtlich
"Ein amerikanischer Soldat saß auf der Erde und hatte sein Gewehr quer über seine Knie gelegt. Ich habe ihn genau beobachtet. Ich hatte ja noch nie einen amerikanischen Soldaten gesehen. Später sah ich sein Bild in der Zeitung, es war Karl Timmerman."
Christine Wilhelm, damals wohnhaft in Erpel, über Ihre Erinnerungen an den März 1945

Christine Wilhelm, geborene Schmitz, erinnert sich, wie die Bevölkerung am Morgen dieses Tages über Lautsprecher informiert wurde: "Die Brücke wird gesprengt." Keiner, so weiß sie heute noch, wusste, was zu tun war. Es überwog die Sorge um Angehörige: "Da entschloss ich mich, nochmals aus dem sicheren Tunnel nach Hause zu laufen. Atemlos kam ich daheim an, riss etwas heftig die Küchentür auf und stutzte. Fünf oder sechs deutsche Soldaten saßen am Tisch und aßen Suppe, die meine Mutter für uns gekocht hatte. Als die damals junge Christine der Runde klarmachte, dass die Brücke gesprengt werden sollte, ließen ihrer Beschreibung nach einige Soldaten sofort den Löffel fallen und verschwanden. "Meine Mutter versprach, bald zu kommen, und ich rannte zurück in den Tunnel."

In diesem Tunnel, der als "Zwergenloch" in die Geschichtsbücher einging, befand sich auch der damals 14-jährige Heinrich Lindlohr, dessen Elternhaus am 2. Januar 1945 den Bomben zum Opfer gefallen war. "Wir waren in der ersten Nische auf der rechten Tunnelseite, die mein Vater mit Bohlen gegen Splitterschutz gesichert hatte. Eine Bank stand auch drin." Hans Christmann, seinerzeit 15 Jahre alt, weiß zu berichten, dass dort am 7. März 1945 auch einige Personen-Waggons standen, "die von mehreren Offizieren offensichtlich als Kommandozentrale genutzt wurden". Die Aufregung war groß in der Bevölkerung, die vor allem in diesem Stollen Schutz suchte. Die Nachricht vom Anmarsch der Amerikaner und einer möglichen Sprengung der Brücke beunruhigte alle. Als dann das Kommando kam, sich auf den Boden zu legen, warteten alle voller Angst auf die nächsten Ereignisse. "In dieser Stellung verharrten wir lange. Bange Minuten, ohne eine Detonation zu vernehmen", berichtet Anneliese Eichler. "Es herrschte äußerste Spannung. Wenig später hieß es wieder: Alles auf den Boden - Notsprengung! " Doch außer einem dumpfen Knall habe sich nichts ereignet. Christine Schmitz bestätigt: Man habe sich gefragt, ob das alles sei: "Und dann rief ein Soldat: Die Brücke steht ja noch. Jetzt waren alle sehr aufgeregt." Nach ihrer Erinnerung wurde dann vom Eingang in den Tunnel hineingeschossen. "Soldaten, Frauen und Kinder liefen wie wild in das Innere des Tunnels. Es wurde gebetet, geschrien, alles durcheinander, und immer wieder hörte man Schüsse. Es war sehr chaotisch."

Front rückte näher

Auch Werner Christmann berichtet von immer deutlicher zu hörendem Schusswechsel. "Das war ein Zeichen der stets näher rückenden Front." Die Brückenbesatzung sei merklich unruhiger geworden. "Als sich die Lage ausweglos zuspitzte und eine Verteidigung im Hinblick auf die vielen Zivilpersonen im Tunnel nicht verantwortet werden konnte, wurde eine für alle Fälle eingeplante Sprengung der Brücke vorgenommen. Der Versuch ist jedoch fehlgeschlagen", erzählt Christmann.
Wie Christine Wilhelm sich erinnert, schossen die amerikanischen Soldaten dann auch von der Straßenbrücke. "Ein Soldat sagte: Es ist zwecklos, wir können uns nicht wehren, es sind zu viele Frauen und Kinder hier." Und Anneliese Eichler ergänzt: "Die Ludendorff-Brücke war von den Amerikanern eingenommen, ebenfalls die kleine Straßenbrücke nach Orsberg. Wir saßen in der Mausefalle, wieder mit der Angst im Nacken." Dann ging jemand mit einem weißen Tuch den Amerikanern entgegen. "Das Tuch wurde aus einem Kinderwagen genommen", weiß Christine Wilhelm. Dieser "Jemand" ist eine tragische Figur: Es war Willi Feldens. Durch einen Bauchschuss wurde er getötet.

Von seiner Frau Maria stammt ein erschütternder Tagebuchauszug: "Die Bevölkerung, alles kommt aus dem Tunnel, alles strömt heraus. Den wir nicht sehen, ist mein Willi. Als wir aus dem Tunnel kommen, trifft mich bald der Schlag. Der Willi liegt da mit Decken zugedeckt, ganz bleich im Gesicht. Er hat einen Bauchschuss erlitten. Dann kam wieder Beschuss, keiner trug ihn in einen Waggon. Ich habe mich neben ihn gelegt, und wir haben Decken über die Köpfe gezogen. Tränen liefen ihm aus den Augen. Alle liefen fort, keiner half." Als Maria Feldens am nächsten Tag endlich Hilfe fand, war es für Willi Feldens bereits zu spät: "Als wir hinkamen, stand die Oma mit dem ganzen Gepäck und dem Kind am Ausgang. Willi war schon lange tot."

Text: Marcelo Peerenboom / Repros: Creativ