Erpel vor 60 Jahren: Eindrucksvolle Gedenkfeier
Blick aktuell/Unkeler Reporter Nr. 10 vom 10. März 2005

"Nicht in romantischer Nostalgie, sondern um uns unserer eigenen Geschichte zu stellen, haben wir uns hier getroffen. Für uns ist an den Ereignissen heute vor 60 Jahren nichts heroisch-dramatisches. Für die Erpeler Bevölkerung bedeutet die Rheinüberquerung der amerikanischen Armee das Ende eines von Beginn an sinnlosen Krieges." Mit diesen Worten begrüßte Bürgermeister Edgar Neustein die Gäste am Montagnachmittag zu der Gedenkfeier im Bürgersaal von Erpel. Und der konnte die Besucher kaum fassen. Bis weit in den Flur standen Gäste, um der Feier zu folgen. Die war nach dem von Agnieszka Sokol-Arz, Dominik Arz und Josef Dix gespielten "Entré & Marché" aus der Suite in C-Dur von Henry Purcell mit dem Gedicht "Eine Brücke lasst uns bauen" eingeleitet worden, das von Nina Schmitz und Alexander Hirzmann vorgetragen worden war. "Die Türme der Ludendorffbrücke mit dem dahinter liegenden Tunnel, in dem die Erpeler Bevölkerung Schutz vor den Bombenangriffen gesucht und gefunden hat, sind heute Stätten der Erinnerung und Gedenkens und damit ein Mahnmal für den Frieden, so wie die Brückentürme auf Remagener Seite heute einem Friedensmuseum Raum bieten", erinnerte Edgar Neustein, der den Initiator des Remagener Museums, den früheren Bürgermeister Hans Peter Kürten, besonders herzlich begrüßte. Sein Willkommensgruß galt zugleich dem Landtagsabgeordneten Erwin Rüddel, dem Europaabgeordneten Werner Langen, Landrat Rainer Kaul, der als Gastredner zusammen mit seinen Beigeordneten Heinz-Jürgen Scheid und Johannes Kessler aus Neuwied angereist war, sowie seinen Bürgermeister-Kollegen, an der Spitze VG-Chef Werner Zimmermann.


Zeitzeugen treffen sich an der Gedenktafel am Erpeler Rheinufer, wo die Amerikaner vor 60 Jahren unter Leutnant Timmermann denFluss überquerten, nachdem die Sprengung durch die deutsche Brückenbesatzung fehlgeschlagen war


Vor und nach der Feierstunde drängten sich die Besucher um die Stellwände mit alten Fotografien und Zeitungsberichten

"Vor allem freue ich mich, dass so viele Zeitzeugen heute unter uns sind, stellvertretend für die Staatsminister a.D., Heinz Schwarz, über die Ereignisse vor 60 Jahren berichten wird", betonte der Bürgermeister. Viele von ihnen hätten ihre Erlebnisse auch schriftlich niedergelegt, um so Geschichte lebendig zu halten. Aber nicht nur in die Vergangenheit sollte die Gedenkfeier führen. "Wie die beiden Schüler es in ihrem Gedicht vorgetragen haben, wollen wir auch eine lange, breite und starke Brücke aus Vertrauen in einen friedliche Zukunft bauen", hob Edgar Neustein hervor. Vor zehn Jahren, beim 50. Jahrestag der Rheinüberquerung der amerikanischen Armee, sei es für ihn ein höchst eindrucksvolles Erlebnis gewesen, viele Veteranen von einst zur gleichen Uhrzeit an derselben Stelle begrüßen zu können.

"Die Erpeler/Remagener-Eisenbahnbrücke ist als "Wunder von Remagen" in die Annalen der Kriegsgeschichte eingegangen", erklärte Rainer Kaul in seinem Grußwort. In der Rückschau könne man mit einiger Gewissheit sagen, dass die heimische Bevölkerung es der Ludendorffbrücke zu verdanken habe, dass für sie der Zweite Weltkrieg mit der unbehinderten Rheinüberquerung der Amerikaner nach der fehlgeschlagenen Sprengung am 7. März faktisch beendet gewesen sei. "Mit dem Rheinübergang wurde das offizielle Ende des Krieges eingeläutet, ohne den es sicherlich noch einige tausend Tote mehr gegeben hätte", hob der Landrat hervor. Entsprechend habe General Eisenhower gesagt: "Die Brücke ist ihr Gewicht in Gold wert!" Gleichzeitig seien ihre Türme für die heutige Zeit als Mahnmal von Bedeutung, sich mit der Vergangenheit auseinander zu setzen, den Austausch und die Verständigung mit den ehemaligen Feinden zu suchen. Entsprechend werde an dem Gedenktag nicht nur der Vergangenheit gedacht, er weise auch in die Zukunft. "Uns muss bewusst sein, dass Frieden, auch wenn er für uns Deutsche seit nunmehr 60 Jahren währt, nicht selbstverständlich ist", erinnerte Rainer Kaul an die Kriegsschauplätze in der Welt. Die Erinnerung wach zu halten, sei ein wichtiger Beitrag für den Erhalt des Friedens. "Ich danke deshalb der Gemeinde Erpel, dass sie zum Gedenken der Opfer der Ludendorffbrücke und des Brückenkopfes Erpel bereits einige Jahre nach Kriegsende ein Friedenskreuz auf der Erpeler Ley errichtet hat, das weithin sichtbar seine Mahnung zum Frieden verkündet", schloss der Landrat sein Grußwort, bevor er den engagierten Erpelern auch für die Gestaltung der höchst eindrucksvollen Gedenkfeier dankte.

Zu der trug vor allem die Lesung aus dem Tagebuch von Maria Feldens bei, in dem diese auf beeindruckende Weise von dem Tod ihres Mannes im Brückentunnel und ihren verzweifelten Versuchen berichtet, ärztliche Hilfe zu finden. Nüchterner waren zuvor die Schilderungen von Heinz Schwarz ausgefallen, der als junger Flakhelfer zumindest anfänglich Zeitzeuge der Rheinüberquerung war, bevor er sich nach Hause in das nahe Leubsdorf absetzte. "Als ich nach der missglückten Sprengung den ersten amerikanischen Panzer auf Remagener Seite sah, war mir klar: "Jetzt kommt der Krieg ganz hautnah zu dir", berichtete er. Wesentlich dramatischer erscheinen die Ereignisse in dem Buch "Die Brücke von Remagen" von Rolf Palm, aus dem Walter Ulrich, Intendant der Landesbühne Rheinland-Pfalz, Passagen vortrug. "Es ist die Aufgabe der Kunst, sich über die reinen Fakten hinaus als Impuls für eine friedliche Zukunft der Aufarbeitung der Geschichte zu stellen", hatte Edgar Neustein in seiner Begrüßung gefordert. Und dieser Aufgabe wollen sich ganz konkret zahlreiche Künstler um den "Förderkreis Kunst- und Kulturschiff Unkel" dieses Jahr widmen. "Wir planen unter dem zentralen Thema "Erinnerungen werden wach" Kunstprojekte an den historischen Stätten in Erpel, in den Brückentürmen, im Tunnel und sogar auf dem Rhein", berichtete Michael Schleicher. Mit der "Brücke von Remagen/Erpel - 60 Jahre danach" sollen im Spannungsfeld von Mythos und Wirklichkeit, in einer Symbiose von Kunst und Geschichte Verbindungen geschaffen werden, so wie die Ludendorffbrücke früher Menschen über den Rhein hinweg verbunden habe, betonte er, bevor das Tambour Corps des Ortes mit den Nationalhymnen von Amerika und der Bundesrepublik Deutschland den offiziellen Teil der Gedenkfeier beendete. Danach nahmen zahlreiche Besucher die Gelegenheit wahr, an den Stellwänden alte Fotografien und Zeitungsberichte eingehend zu studieren, von Werner Christmann zusammengetragene Dokumente und Quellen über die Ludendorffbrücke und die Rheinüberquerung der Amerikaner sowie die Einrichtung des Brückenkopfes Erpel, die in einem so umfangreichen Maße wohl selten zu sehen sein dürften.

Text und Fotos: -DL-