Vor 60 Jahren überquerten die Amerikaner
bei Erpel den Rhein
Blick aktuell/Unkeler Reporter Nr. 10 vom 10. März 2005

Großer Andrang herrschte am frühen Montagnachmittag am südlichen Rheinufer von Erpel. Menschenmassen drängten sich die steilen Treppen hinauf zu den Führungen in beiden Brückentürmen oder betraten vorsichtig den rund 100 Meter dahinter liegenden Tunnel, der aus Anlass der Überquerung des Rheins des 27. US-Panzerinfanteriebataillons vor 60 Jahren an diesem Tag geöffnet sind. Währenddessen hatten sich im Ratssaal Zeitzeugen eingefunden, die die letzten Stunden in dem Tunnel miterlebt haben. Eingeladen hatte sie die Gemeinde, in deren Namen sie Bürgermeister Edgar Neustein willkommen heißt. "Ich freue mich, dass Sie uns Ihre Erlebnisse aus dem jeweils subjektiven Blickwinkel berichten, denn aus dem Mosaik dieser Einzelsichten können wir einen Überblick gewinnen, was damals wirklich in Erpel passiert ist", begrüßte er die Gäste, darunter auch Staatsminister a.D. Heinz Schwarz, der am 7. März 1945 als Luftwaffenhelfer auf dem nördlichen Brückenturm kauerte. Seit vier Wochen war der 16-jährige Leubsdorfer für die Telefonverbindung zwischen der Brückenkommandantur verantwortlich. "Man durfte natürlich nicht mithören, aber an diesen Befehl habe ich mich nicht gehalten", erinnerte er sich. So wurde er am 6. März "Mitwisser", dass die Ludendorffbrücke gesprengt werden sollte, bevor die Amerikaner sie zur Rheinüberquerung nutzen konnten, nachdem sie die deutsche Front bei Rheinbach durchbrochen hatten.


Zeitzeugen trafen sich an der Gedenktafel am Erpeler Rheinufer, wo die Amerikaner vor 60 Jahren unter Leutnant Timmermann den Fluss überquerten, nachdem die Sprengung der Ludendorffbrücke durch die deutsche Brückenbesatzung fehlgeschlagen war


Anschaulich fügten sich im Ratssaal die Erinnerungen der Zeitzeugen zu einem Gesamtbild der Ereignisse zusammen

1916 war auf Drängen der Generalität der Bau der zweigleisigen Eisenbahnbrücke begonnen worden. Die von dem Mannheimer Architekten Karl Wiener entworfenen, 4.642 Tonnen schwere Eisenkonstruktion sollte den Nachschub für die Westfront sichern. Die Gleise "verschwanden" auf Erpeler Seite hinter den beiden festungsartigen Brückentürmen in einem 383 Meter langen Tunnel, der durch den Felsen der Erpeler Ley getrieben worden war und der in einem Bogen zur rechtsrheinischen Eisenbahnlinien führte. Erst zwei Jahre später fertiggestellt, diente die 325 Meter lange Brücke, die nach General Erich Ludendorff benannt worden war, zunächst jedoch nur noch der geschlagenen deutschen Armee zum Rückzug. Dann wurde sie von der Erpeler und Remagener Bevölkerung benutzt, den an dieser Stelle fast 250 Meter breiten Fluss auf dem Fußweg neben den Gleisen zu überqueren. Erst im Zweiten Weltkrieg kam die strategisch-logistische Funktion der Ludendorffbrücke voll zum Tragen. Entsprechend begannen die alliierten Luftverbände am 19. Oktober mit der Bombardierung der Brücke. Den schwerste Luftangriff erlebte Erpel am 28. Dezember 1944, bei dem zwar über 50 Prozent des Ortes zerstört wurden, die Brücke aber hielt dem Bombardement stand. In dieser Zeit nutzte die Bevölkerung neben dem "Zwergenloch" genannten Stollen im Nordosten des Dorfes den Tunnel als sicheren "Luftschutzbunker".

"Wie viele Menschen sich am 7. März in dem Tunnel befunden haben, kann man gar nicht sagen. Erstens war es stockdunkel und zweitens hatten sich viele Zivilisten in den Nischen so gut es eben ging häuslich eingerichtet", erinnerte der Erpeler Werner Christmann. Gegen 10 Uhr sei die Bevölkerung per Lautsprecher darüber informiert worden, dass die Brücke um 15 Uhr gesprengt würde, fügte Christine Wilhelm zu. Da habe die Waffen-SS bereits den Tunnel verlassen, weiß ein anderer Zeitzeuge zu berichten. Zahlreiche deutsche Soldaten hätten die Brücke von Remagen aus passiert und bei den Offizieren sei in zunehmenden Maße eine hektische Aktivität festzustellen gewesen. "Wir hatten einfach nur Angst vor dem was kommen würde", war die einhellige Darstellung der Zeitzeugen. An einen tropfenden Kesselwagen voller Benzin konnte sich jedoch keiner der Anwesenden erinnern. "Auf dem Gleis stand lediglich ein Bauzug mit Personenwaggons, die von den Offizieren als Kommandozentrale genutzt wurden", erinnerte sich Hans Christmann ganz genau.

"Gegen Mittag habe ich vom Brückenturm aus den ersten GI am Remagener Ufer gesehen, kurze Zeit später den ersten amerikanischen Panzer", berichtete Heinz Schwarz. Daraufhin suchte auch der 16-Jährige den Tunnel auf. Kein Zivilist habe sich am Eingang zum Rhein hin aufgehalten, alle seien hinter der Tunnelbiegung in Deckung gegangen, erinnerte er. Geschossen worden sei von deutscher Seite aus schon lange nicht mehr. Kurz vor 15 Uhr sei dann die Sprengung der Brücke angekündigt worden. "Alle auf den Boden, Ohren zuhalten und Mund auf", erinnerte sich Anneliese Eichler noch ganz genau. Aber außer einem dumpfen Knall habe sich nichts ereignet. "Dann kam die Nachricht: "De Brück" steit noch!", berichtete Heinrich Lindlohr. Für Heinz Schwarz war das Grund genug, sich aus dem Staub zu machen. "Der Ami war auf der Brücke, da war der einzige Gedanke, wie man die nächste Sekunde überleben kann. Die einzige Chance habe ich in der Flucht nach Hause gesehen", berichtete er. Für die anderen "Tunnelinsassen" bedeutete die fehlgeschlagene Sprengung jedoch ein Ende der Bomben.

"Zunächst ist allerdings Panik ausgebrochen, nicht zuletzt, weil die Amerikaner natürlich von der Brücke aus auch in den Tunnel geschossen haben", berichtete Werner Christmann. Völlig überrascht worden seien sie, als die Amerikaner am Ostausgang an der "Zementbrücke" aufgetaucht seien. Ein deutscher Soldat soll gerufen haben "Frauen mit weißen Tüchern raus." Es müssen wohl mehrere Zivilisten gewesen sein, die das Zeichen zur Aufgabe geschwenkt haben. Unter ihnen war auch Willi Feldens, auf den die Amerikaner schossen, weil sie ihn möglicherweise wegen seiner schwarzen Eisenbahner-Uniform für einen SS-Mann gehalten hatten. "Meine Schwester Anny ist mit ihm rausgegangen und kurze Zeit später waren auch keine Schüsse mehr zu hören. Als wir den Tunnel verließen, haben wir Willi Feldens schwer verwundet an der rechten Seite liegen sehen", erinnerte sich Heinrich Lindlohr. Wenig später entdeckte auch Karl Feldens, der mit seiner Mutter und Großmutter ebenfalls im Tunnel Schutz gesucht hatte, den Vater. "Er hatte einen Bauchschuss, so dass wir mit ihm im Tunnel blieben, wo er dann am frühen Morgen gestorben ist, während meine Mutter vergeblich versucht hatte, Hilfe zu holen", erinnerte er.

Über die Leiter zur jetzigen Trimborn Straße verließen Zivilisten wie Soldaten den Tunnel. "Einige hatten sich noch kurze Zeit vorher zum Wasserfall hin abgesetzt. Die übrigen Soldaten mussten nach rechts auf die Wiese, wir Zivilisten wurden nach Hause geschickt. Für uns war damit der Krieg aus", berichteten die Zeitzeugen. Verhandlungen mit den Amerikanern habe es zu keinem Zeitpunkt gegeben. "Vor allem ist niemand aus dem Tunnel gelaufen und hat "Stop shooting" gerufen", waren sich alle Anwesende einig, bevor auch sie sich zu den Brückentürmen aufmachten. "Solche Heldengeschichten machen sich gut in einem Hollywood-Film, haben mit den Ereignissen aber nur wenig oder gar nichts zu tun. Statt irgend etwas zu dramatisieren, müssen wir die Realitäten sachlich festhalten", mahnte Heinz Schwarz an der von ihm gestifteten Gedenktafel am Rheinufer. Von einer Schlacht um die Ludendorffbrücke am 7. März könne auf keinen Fall die Rede sein.

Text und Fotos: -DL-