"Jonge joht Heim, de Kreech is erömm"
General-Anzeiger Bonn vom 22. April 2005

ZEITGESCHICHTE Erpeler Bürger erleben die Einnahme der Brücke – Bei den Zeitzeugen deckt sich die Erinnerung nicht immer – Broschüren in Planung

Die Zeit heilt Wunden, heißt es. Mag sein, dass die seelischen Wunden der Menschen, die den 7. März 1945 im Erpeler Tunnel verbringen mussten, geheilt sind, doch die Ereignisse scheinen in den Gedächtnissen festgebrannt zu sein. Egal, in welcher Nische des 383 Meter langen Bauwerkes sie die Überquerung des Rheines durch die Amerikaner miterlebten, das Geschehen spiegelt sich nicht immer deckungsgleich wider. Die Frage, wer die weiße Fahne gehisst hat, scheint so nicht zu klären zu sein. Der Erpeler Bürgermeister Edgar Neustein hat die Zeitzeugen gebeten, ihre Erinnerungen aufzuschreiben. Nachfolgend Ausschnitte aus den Berichten.

Konstantin Schlösser war gerade auf dem Amt in Unkel, als die Nachricht kam: Die Amis kommen. Er fuhr mit dem Fahrrad zurück nach Erpel, begegnete unterwegs deutschen Soldaten, "verwundet und total fertig". Zu Hause wurden schnell einige Sachen in einen Koffer gepackt und "Eltern, die Schwester und Frau Dürrenbach eilten zur Rückseite des Tunnels. Wir nahmen eine Nische in Beschlag, die restlos überfüllt war, weil ein Bauzug im Tunnel stand", erinnert sich Schlösser. Mit seinem Freund Ludwig Lehr ging er dann zum Tunneleingang. "Auf einem Erdwall stand ein altes Maschinengewehr sowie das Auslösegerät für die Sprengung. Es hagelte Nebelgranaten, die Amerikaner waren am Rhein."
"Alles zurück", so ein Ruf, es folgte ein dumpfer Knall, doch die Brücke stand. Es fielen Schüsse, Schlösser rannte zurück in den Tunnel. "Die Leute schrien und brüllten vor Angst und Schrecken, die Schüsse hörten auf." Ein Beamter der Reichsbahn, so Schlösser, sei in Uniform zum Tunnelende gegangen als die Schüsse fielen. "Die ersten Zivilisten, darunter meine Eltern, Frau Dürrenbach und Kinder sind mit weißen Tüchern zum Tunnelende gegangen. Dort standen zwei Amerikaner mit Maschinengewehren im Anschlag." Auf Englisch hätten sie gefragt, ob sie nach Hause gehen könnten. Die Amerikaner ließen die Schlössers ziehen.


Im rechten Turm der Erpeler Brücke war eine Funkstation der deutschen Wehrmacht untergebracht. Als die "Amis" kamen, musste diese aufgegeben werden


Die Amerikaner kamen nicht nur über die Brücke, sondern auch über den Fluss

Heinrich Lindlohr aus der Erpeler Marktgasse war beim ersten Sirenenton zum Tunnel geeilt. "Es ging die Böschung hinunter bis zur Stützmauer, dann die Holztreppe hinunter auf die Holzleiter, bis zu den Gleisen." Sie hatten eine fast komfortable Nische: Vater Lindlohr hatte sie mit Bohlen gegen Splitter verkleidet. Und es stand sogar eine Bank darin. "Beim Knall warf sich alles auf den Boden", erinnert sich Lindlohr. Von der Zementbrücke aus sei dann geschossen worden, diese Schüsse hätten Eisenbahner Willi Feldens getroffen, der später verstorben sei. "Die Amerikaner kamen über die Brücke. In dem Moment kam ein deutscher Soldat mit einer weißen Fahne gelaufen, der die Frauen aufforderte, mit nach vorne zu gehen." Seine Schwester Anny sei mitgerannt, kurze Zeit später habe das Schießen aufgehört.

Am Tunneleingang wurden Papiere verbrannt, dann fielen Schüsse

Christine Wilhelm aus Linz, geborene Schmitz, erlebte mit Mutter und Oma, wie am Tunneleingang die Kisten angeschleppt wurden. "Man rief nach Major Scheller und Hauptmann Bratge." Die seien aber an der Zementbrücke gewesen. "Am Tunneleingang wurden Papiere verbrannt, dann fielen Schüsse." Alles sei wild durcheinander gelaufen, "es wurde gebetet und geschrien". Schüsse seien auch von der Zementbrücke aus gefallen. Ein Soldat hätte gerufen: "Es ist zwecklos, es sind zuviel Frauen und Kinder hier." Dann sei jemand mit einem weißen Tuch den Amerikanern entgegen gegangen. Wenig später durften die Schmitzens nach Hause gehen. Oma hätte noch den letzten deutschen Soldaten zugerufen: "Jonge joht heim, de Kreech is erömm." Die Funkbesatzung hatte den Erpeler Brückenturm zu diesem Zeitpunkt längst verlassen.

Hans Christmann, damals 15 Jahre, suchte täglich mit seinem älteren Bruder Schutz im Erpeler Tunnel. So auch am 7. März. Er erlebte wie alle anderen die missglückte Sprengung, sah amerikanische Soldaten auf der Zementbrücke. "Wir erkannten sie an den Stahlhelmen". Nachmittags verließ er mit der Familie den Tunnel, "vorbei an dem verletzten Willi Feldens". Die Amerikaner kontrollierten sie und ließen sie ziehen. "Nicht so die deutschen Soldaten, die wurden abtransportiert", erinnert sich Christmann. Meist in die Auffanglager nach Remagen, Sinzig und Bad Breisig, in die so genannte "Goldene Meile", in denen sie alles andere als goldene Zeiten erleben sollten. 1.300 fanden dort den Tod. In Erpel wimmelte es bald vor amerikanischen Soldaten. 8.000 überquerten in den ersten Tagen die Brücke, 100.000 bis zum Einsturz am 17. März.

Fünf Broschüren will der Bürgermeister nun zum Thema Zweiter Weltkrieg im Laufe des Jahres noch herausbringen. Themen werden sein: der 7. März, das Kriegsende, Schutt und Asche, 60 Jahre danach und Zeitzeugen berichten. Bis in den Oktober hinein, so die Planung, werden im Erpeler Bürgerhaus zu dem Thema noch Veranstaltungen stattfinden. Die Planungen sind noch nicht endgültig abgeschlossen.

Text und Repros: Rolf Plewa