"Die Schlacht um die Brücke ist Legende"


Karl Busch

KRIEGSENDE
Karl Busch war Flakhelfer an der Ludendorff-Eisenbahnbrücke bei Remagen – Bei der Kapitulation im März 1945 geriet der gebürtige Erpeler ins Rampenlicht der Weltgeschichte

Stürmende GIs, verteidigende Landser und Hunderte Tote. Immer wenn sich Karl Busch den Hollywood-Klassiker "Die Brücke von Remagen" ansieht, muss er schmunzeln: "Dass dort eine Schlacht stattgefunden hat, ist eine Legende." Doch die hält sich beharrlich. Tatsächlich gab es bei der Eroberung der Brücke am 7. März 1945 nur wenige Opfer, und in der entscheidenden Situation war Diplomatie statt Kugeln gefragt. Als 15-Jähriger dolmetschte er während der dramatischen Kapitulationsverhandlungen.

Wo heute zu beiden Seiten des Rheins nur noch rußgeschwärzte Türme an die Ludendorff-Eisenbahnbrücke erinnern, die einst Remagen mit Erpel verband, gerät 1945 der 15-jährige Flakhelfer für mehrere Stunden ins Rampenlicht der Weltgeschichte.

Eher zufällig und wegen seiner Englisch-Kenntnisse wird der Gymnasiast zur zentralen Figur. Dass die Einnahme ohne viel Blutvergießen auf beiden Seiten verläuft, ist einer Reihe glücklicher Umstände zu verdanken – und dem Mut Buschs.

Sein Leben stand früh "im Schatten der Brücke" unweit seines Heimatortes Erpel. Die Buschs, seit Generationen Bauunternehmer, waren so etwas wie Geburtshelfer. "Mein Vater und Großvater haben mit ihrem Baugeschäft die beiden Türme auf der Erpeler Seite gebaut", erinnert sich Busch, der heute Ingenieur in Sankt Augustin ist. 1918 wurde die Brücke als Nachschublinie für die Westfront in Betrieb genommen.

War die Trasse zwischen den Kriegen unbedeutend, gerät sie ab 1939 ins "Visier der alliierten Bomber", sagt der polyglotte Mann mit dem Lockenkopf und der Designerbrille. Wenig später führt das Schicksal Busch und die Brücke erneut zusammen. Anfang 1944 als Luftwaffenhelfer eingezogen, bezieht er im August mit einer Flak auf einem der Türme Posten. Die Bombardements auf Remagen und Erpel zwischen dem 28. Dezember 1944 und 2. Januar 1945 kann er freilich nicht verhindern.. Zwar bleibt die Brücke unversehrt, aber beide Brückenstädte werden zu 40 Prozent zerstört. Der nächste Angriff kommt von Land. Für die vorrückenden Amerikaner ist im Frühjahr 1945 eine unversehrte Brücke über den Rhein von entscheidender Bedeutung.

Intakte Brücke

Busch weiß aber auch von alternativen Plänen: "Vor einem Übersetzen über den Rhein sollte das rechtsrheinische Gebiet von Bonn-Beuel bis Neuwied mit Bomben eingeebnet werden." Dabei hätten die Amerikaner mit mehreren tausend Toten gerechnet. Um so erfreuter sind die auf Bonn vorrückenden GIs, als ein Luftaufklärer am Vormittag des 7. März 1945 die intakte Brücke von Remagen sichtet.

Während US-Einheiten aus dem Vorgebirge in Richtung Rhein eindrehen, versuchen die Deutschen eine Sprengung.

Die erlebt Busch am Eingang des 383 Meter langen Eisenbahntunnels, der sich auf Erpeler Seite unmittelbar an die Brücke anschließt und die Gleise durch eine markante Anhöhe führt, die "Erpeler Ley". Die Brücke hob sich ein wenig, um dann wieder auf ihre Pfeiler zu sacken. Zu wenig Sprengstoff, vermutet er als Grund für die fehlgeschlagene Sprengung.

Inzwischen hat gegen 16 Uhr eine kleine US-Kampfeinheit trotz des Kugelhagels die Brücke überquert und beide Seiten des Tunnels abgeriegelt.


Am 7. März nehmen die Amerikaner die Ludendorff-Brücke bei Remagen ein und bilden ihren ersten Brückenkopf rechts des Rheins

Auf den Tunnelausgang an der "Zementbrücke" konzentriert sich während der nächsten anderthalb Stunden das Geschehen. Die GIs postierten sich am Ende des Tunnels und schießen laut Busch "sporadisch hinein". Eine gefährliche Situation, denn im Tunnel befinden sich nicht nur 300 Soldaten und Zivilisten, unter ihnen Buschs Mutter. "Es standen auch noch vier mit Munition und Flugbenzin beladene Waggons im Felsen. Ein einziger Treffer hätte für eine Explosion ausgereicht."

Ein Erpeler, der mit Busch bekannte Willi Felten, hat bereits mit einer weißen Fahne die Situation zu entschärfen versucht. Ein Bauchschuss streckt den Zivilisten nieder. Felten ist der einzige Tote, von dem Busch weiß. Weil der 15-jährige gut Englisch spricht, fordert ihn eine Frau auf: "Geh raus und hol den Willi." Obwohl der Flakhelfer keinen Kombattantenstatus besitzt und sofort erschossen werden kann, fasst er sich ein Herz.

"Stop firing!"

Beim Hinauslaufen erinnert sich Busch an einen Kriegsfilm mit dem Schauspieler René Deltgen. Mit dem fortwährenden Ruf "Stop firing!" rennt er aus dem Tunnel. Tatsächlich gelingt es Busch, Kontakt zum US-Truppführer Carl Timmerman aufzunehmen, und zu seinem Erstaunen entwickelt sich das Gespräch rasch zur Kapitulationsverhandlung. "Als die etwa 15 Amerikaner jedoch hörten, dass ihnen rund 200 Landser gegenüberstanden, wurden sie nervös", erinnert sich Karl Busch.


Beobachter: Ein GI hat die noch intakte Brücke im Blick. Am 7. März 1945 hatte ein Pilot sie gesichtet, während US-Einheiten aus dem Vorgebirge gen Rhein vorrückten

Trotz "nervenaufreibender Sekunden" rettet er die Situation: Es seien vor allem Zivilisten im Tunnel und "kriegsmüde Soldaten", beruhigt er die Angreifer. Die erteilen ihm den Auftrag, mit einem Offizier wiederzukommen.

Doch im Tunnel angekommen, weigern sich die Offiziere. "Sie sprachen kein Englisch", nennt er den Grund.

Trotzdem habe in dieser Situation keiner an Gegenwehr gedacht. Erst nach mehrmaligem Pendeln zwischen den Linien wagt sich ein Hauptmann mit Busch als Dolmetscher zu den nervös ausharrenden GIs.

Als der Abzug der Tunnelinsassen ausgehandelt ist, erhält Busch ein überraschendes Lob. "Gut gemacht", meint Timmerman in perfektem Deutsch. "Er hatte deutsche Eltern und wollte mich testen", vermutet Karl Busch, der mit "viel Angst" die heiklen Stunden überstand. Der Verhandlungserfolg erspart nicht nur Angreifern und Verteidigern sinnloses Blutvergießen. Zudem können die US-Truppen zehn Tage lang Truppen und Kriegsgerät über die Brücke befördern und laut Busch "den Krieg schneller beenden helfen".

Das Urteil bestätigte ein kompetenter Zeitgenosse. Für General Dwight D. Eisenhower war Remagen "völlig unvorhergesehen. Die endgültige Niederlage des Feindes stand plötzlich hinter der nächsten Ecke." Zumal die Angriffe deutscher Kampfschwimmer und der Luftwaffe erfolglos blieben. "Die Trümmer der V1- und V2-Lenkbomben lagen in ganz Erpel verstreut."

"Nie ein Held"

Doch am 17. März ereilt auch die Brücke ihr Schicksal. Während die Amerikaner sie zu reparieren versuchen, stürzt das Bauwerk ein. Dutzende Gls finden den Tod. Eine Spätfolge der Sprengung, vermutet Statikexperte Busch. "Beim Sprengversuch am 7. März wurde die Brücke aus den Lagern gehoben, die ihre Beweglichkeit garantierten." Auch wenn nur ein paar Ruinen an den Eisenkoloss erinnern, lässt die Brücke ihn bis heute nicht los.

Für US-Veteranen ist das Brückenmuseum in Remagen seit langem ein Mekka, und anlässlich der Gedenkfeiern zum 40. Jahrestag des Kriegsendes entdeckten Offizielle Karl Busch als "Mann der Stunde". Der winkt jedoch bescheiden ab: "Ich hab' mich nie als Held gefühlt." Es gab wichtigere Dinge. "Damals habe ich aus einem Proviantwaggon im Tunnel erst einmal eine Rinderhüfte für die Familie mitgenommen."


Die Brücke bricht am 17. März zusammen, nachdem
ein deutscher Sprengversuch Tage zuvor sie schwer beschädigt hat. Viele US-Soldaten kommen beim
Einsturz ums Leben

Quelle: General-Anzeiger Bonn März 1999, Text/Foto/Repros: Axel Vogel