Brücke von Remagen – zwischen Wahrheit und Legende Zeitzeugen aus Erpel erinnern sich an den März 1945

Wer kennt ihn nicht, den Hollywood-Film mit seinen vielen TV-Wiederholungen: "Die Brücke von Remagen". US-Soldaten der 9. Panzerdivision und Infanteriesoldaten nehmen nach heftigen Kämpfen die strategisch wichtige Brücke ein.

Ein Film mit vielen Sequenzen, mit Kämpfen und vielen Toten, und schließlich die Einnahme der unversehrten Ludendorffbrücke, die die beiden Rheinorte Remagen und Erpel verband. Es war eine Eisenbahnbrücke mit Übergängen für Fußgänger. Richtig in dem dramatisch inszenierten Film ist, dass die militärstrategisch bedeutende Brücke den Alliierten in die Hände fiel, und sie damit wichtige Truppenteile der Alliierten in kürzester Zeit über den Rhein setzen konnten, was nach Ansicht von Historikern und Militärstrategen den Zweiten Weltkrieg um einige Wochen verkürzte.


Ein Blick von Erpel auf die Remagener Brückentürme

Zudem stürzte diese Brücke zehn Tage nach der Einnahme, bedingt durch vorherige Beschädigungen, am 17. März 1945 ein. Dies, nachdem die Amerikaner schon weitere Übergänge in diesem Rheinbereich und ausreichend Soldaten und Material über den Rhein geschafft hatten, um ihren siegreichen Vormarsch von Erpel aus in das Deutsche Reich fortzusetzen.

Historisch verkehrt ist, und somit Legende, sowie faktisch aus der "Luft gegriffen" dass es bei der Einnahme der Brücke durch US-Soldaten direkte Kämpfe um diese Brücke gab, wohl aber u.a. Luftangriffe deutscher Stukas (Ju 87), aber erst im nachhinein, um die für die Amerikaner wichtige Brücke doch noch zu zerstören. Einen Toten gab es auf deutscher Seite, den Erpeler Willi Felten, der irrtümlich für einen Soldaten gehalten und verwundet wurde, und nach seinen Schussverletzungen noch im Tunnel verstarb, wie sich der heute 73-jährige Dipl.-Ing. Karl Busch erinnert.

Ebenso ist die Bezeichnung "Die Brücke von Remagen" nicht (ganz) korrekt, zumal diese Brücke aus strategischen Gründen schon für den Ersten Weltkrieg gebaut wurde (jedoch erst im Jahr 1918 fertiggestellt wurde, und nicht mehr die geplante strategische Bedeutung erhielt, so der Unkeler Gerhard Gelderblom), aber dafür im Zweiten Weltkrieg für die Westfront der Deutschen eine große Bedeutung hatte.

Die Schicksalsbrücke, die Remagen und Erpel verband

Jeweils zwei Brückentürme standen auf der Remagener (heute mit dem Friedensmuseum) und auf der Erpeler Seite, die bis heute stehen. Mitgebaut hatte die Ludendorffbrücke als Sub-Unternehmer auch der Vater von Karl Busch, der mit seinem Erpeler Bauunternehmen damit bis zu 60 Bauarbeiter beschäftigte, wie Karl Busch erklärt.

Über die überraschende Einnahme der Brücke durch US-Soldaten war nicht nur das US-Militär perplex, sondern ebenso das Oberkommando der Wehrmacht, wobei aber anzumerken ist, dass es bei den sich anschließenden Kämpfen bis hinein in den Westerwald, noch viele Tote auf beiden Seiten gab, und dazu zählten auch etliche Zivilisten.

Der Wahnsinn der letzten Kriegswochen

Es gibt nicht mehr viele Zeitzeugen, die die wichtigen Stunden am 7. März 1945 im Tunnel auf der Erpeler Seite der Ludendorffbrücke, den aus heutiger Sicht geschichtsträchtigen Tag hautnah erlebten. Viele Bürger flüchteten vor den Bombenangriffen auf Erpeler Seite in das "Zwergenloch", die spätere Mariengrotte (ein ehemaliger Stollen). Andere Erpeler Bürger suchten Schutz im Tunnel der Ludendorffbrücke und erlebten diesen Tag mit Angst und Schrecken.


Karl-Josef Dung, damals sechsjährig, war einer
der vielen Menschen, die im März 1945 im Tunnel der Ludendorffbrücke Schutz suchten

Zeitzeugen wie Karl-Josef Dung, damals sechs Jahre alt, sowie die damals 14- und 15-jährigen Jugendlichen Heinrich Lindlohr und Ludwig Lehr und der 15-jährige Karl Busch, waren auch am 7. März 1945 im Tunnel der Ludendorffbrücke, wo sie sich mit Eltern (meist Müttern, Geschwistern und weiteren Familienangehörigen) zusammen mit deutschen Soldaten den Soldaten der US-Streitkräfte ergaben. Aber auch die Brüder von Heimatforscher Willi Christmann († 2004), Hans (15 Jahre) und Werner (damals 14 Jahre) waren im Ludendorfftunnel, um hier Schutz vor Bomben und Granaten zu finden.

Es war der Wahnsinn der letzten Kriegswochen, wo es nur noch um das Überleben ging, und so gut wie keiner mehr an den propagierten "Endsieg" glaubte. Ludwig Lehr spricht von damals mindestens 40 deutschen Soldaten, die sich am 7. März 1945 auch im Tunnel befanden und sich ergaben.

Ebenso schildert Heinrich Lindlohr sehr genau die Ereignisse an diesem 7. März 1945. Er und Familienangehörige befanden sich im rückwärtigen Teil des Tunnels, hier hatten die Amerikaner nur sehr wenige Stunden nach der Überquerung der Brücke ihre Positionen bezogen, dies im rückwärtigen Teil (Einfahrt zum Tunnel), an der sogenannten Erpeler "Zementbrücke", und es war Heinrich Lindlohrs Schwester, die damals 20-jährige Anni Lindlohr, spätere Bündgen, die am 7. März 1945 mit einer weißen Fahne den US-Soldaten entgegen schritt.

Auch für den kleinen damals 6-jährigen Karl-Josef mit seinen Familienangehörigen war der Aufenthalt im Tunnel der Ludendorffbrücke die letzte Zuflucht, um sich vor dem Bombenhagel zu schützen. Er war in Pullover und in Mäntel eingepackt. Er hatte Angst, auf den Gleisen hinzufallen, weil er dann kaum die Kraft gehabt hätte, allein wieder aufzustehen. Auch seine Familie musste sich den Amerikanern ergeben, bevor sie dann jedoch nach kurzer Überprüfung nach Hause gehen konnten. Dies alles spielte sich auf der Rückseite des Tunnels ab (Richtung Zementbrücke, wie diese vor dem Tunnel liegende Brücke noch heute heißt).

Zahlreiche Bürger suchten Schutz im Tunnel der Ludendorffbrücke und erlebten diesen Tag mit Angst und Schrecken

Im vorderen Teil des Tunnels der Ludendorffbrücke, in Richtung der Remagener Brückentürme sah es nicht anders aus, zumal sich noch viele Zivilisten und Soldaten im Inneren, auch in den Brückennischen, Schutz suchten.

Hier befand sich u.a. der damals 15-jährige Karl Busch. Am frühen Vormittag des 7. März gegen 10 Uhr wurde er in Linz als Flakhelfer entlassen, wo er das Gymnasium besuchte, und keine zwei Stunden später, war er, der in Erpel wohnte, im Tunnel der Ludendorffbrücke. Viele Medien berichteten über ihn, von TV-Beiträgen bis hin zu bekannten Publikationen der US-Armee. Zudem schrieb Karl Busch schon vor Jahren seine Tunnelerinnerungen sehr detailliert auf – auch jene Erinnerungen, dass er nach der Einnahme der weltweit bekannten Brücke auch eine befristete Zeit als Dolmetscher für einen US-Offizier in Erpel tätig war.


Der Eingang zum Tunnel auf der Erpeler Seite – heute
Er schrieb auch über das große technische Aufgebot, das in den Tagen nach dem 7. März 1945 in seinem Elternhaus am Erpeler Marktplatz gab (es war eins der wenigen heil gebliebenen Häuser in diesem Bereich). Es wurde eine Art Kommunikationszentrale, mit Fernmeldeeinrichtungen für die ganze Welt, wie der heute in Sankt Augustin tätige Dipl.-Ingenieur Karl Busch betont. Heute sieht man an seinem schönen Fachwerkhaus, dem Gertrudenhaus am Erpeler Marktplatz, eine von ihm angebrachte Schriftentafel, die an den März 1945 erinnert. Aber auch der ehemalige Weinkeller des Busch-Fachwerkhauses, der in den Jahren 1944 und 1945 als Luftschutzbunker genutzt wurde, steht noch unversehrt unter der Häuseranlage mit der dazugehörigen Remise.

Karl Busch – hier vor seinem Elternhaus, das 1945 zur "Kommunikationszentrale" umfunktioniert wurde –
schrieb schon vor Jahren seine Tunnelerinnerungen detailliert auf

Verhandlungen und Gespräche

Karl Busch weiß noch ganz genau, was am 7. März im Eisenbahntunnel passierte, zumal er die ersten Verhandlungen und Gespräche mit Angehörigen der US-Streitkräfte führte, weil er als einer der wenigen Deutschen, die sich im Tunnel befanden, gut Englisch sprach.

Hierbei ging es auch um den außen vor dem Tunnel liegenden verwundeten Deutschen Willi Feldens. Der jugendliche Erpeler führte zuerst Gespräche über den Abtransport des Verwundeten, der jedoch wenig später verstarb. Weitere Gespräche mit US-Angehörigen folgten, wie Karl Busch noch heute über diesen erlebnisreichen Tag berichtet, und dies mit einer enormen Detailfülle – ein Tag, der auch Film-Weltgeschichte machte.

Busch erzählt es noch heute so, als sei es erst "gestern passiert", mit vielen Details, aber auch mit Hintergründen, was an diesem Tag im und vor dem Tunnel passierte, auch über die vielen deutschen Soldaten, die mit im Tunnel waren, einfach "kriegsmüde" waren und sich anschließend fast alle den Amerikanern ergaben.

Bedeutungsvoll

Der Krieg war schon lange verloren, aber die Einnahme der Ludendorffbrücke, der Brücke von "Remagen/Erpel", blieb mit von Bedeutung für den raschen Ausgang des Krieges. Furchtbar war dieser Tag auch für andere Erpeler Bürger. Dabei hatten die Schutzsuchenden u.a. neben Decken auch wichtige Dokumente dabei, so harrten sie in den Tunnelnischen aus, wie andere Zivilisten auch, bis die US-Soldaten am 7. März 1945 nachmittags kamen, und sich die Zivilisten des Tunnels mit erhobenen Händen ergaben, wie sich Karl Josef Dung, Heinrich Lindlohr und Ludwig Lehr erinnern. Sie konnten nach kurzer Überprüfung nach Hause oder in andere Häuser gehen (da ihre Heime zerstört waren), nur die deutschen Soldaten marschierten in die Gefangenschaft. Es gäbe noch viel über diesen wichtigen Tag in der Kriegsgeschichte des II. Weltkrieges zu berichten, dies aus militärstrategischer Sicht, aber insbesondere aus der Sicht der beteiligten US- und der deutschen Soldaten, von denen noch sehr viele auf den Rheinhöhen von Orsberg über Bruchhausen bis nach Vettelschoß und weit in den Westerwald hinein, sowie in unserer Region über Bad Hönningen bis nach Leutesdorf und nach Neuwied und weiteren Orten der Rheinhöhen, gefallen sind. Ebenso sind weitere Details der Zeitzeugen mit ihren Kriegserinnerungen zum Erpeler Tunnelaufenthalt interessant.

Genau recherchiert

Etliche Bücher sind über die "Brücke von Remagen" geschrieben worden. So auch das Buch "Die Brücke von Remagen" (1985) von Rolf Palm, in dem auch der damals 15-jährige Karl Busch mit seinen Detailschilderungen einige Male zu Wort kommt.

Sehr genau recherchiert ist auch das Buch von Lothar Brüne (verstorben) und von Jakob Weiler, der in Bad Hönningen lebt. In ihrem Buch "Remagen im März 1945 – Eine Dokumentation zur Schlussphase des II. Weltkrieges", das nun erneut in einer überarbeiteten Auflage erscheint, schildern die beiden Autoren die genauen Abläufe, mit den Hintergrunddaten und den taktischen und militärstrategischen Aspekten. Dazu gehören auch die Hintergründe, warum die Brücke nicht rechtzeitig gesprengt worden ist. Was bleibt, ist die kriegsent- scheidende Komponente, dass diese Rheinbrücke den Amerikanern in die Hände fiel, aber eben nicht so, wie es der Hollywoodfilm "Die Brücke von Remagen" zeigt. Die Einnahme der Brücke war weniger dramatisch, erst danach gab es auf dem weiteren Vormarsch auf beiden Seiten viele Tote, und dazu gehörten auch Zivilisten sowie die verantwortlichen deutschen Offiziere für die miss- lungene Sprengung der "Brücke von Remagen", die von einem deutschen Standgericht erschossen wurden. Es war ein unsinniger und wahnsinniger Krieg, und die Orte Remagen und Erpel waren darin verwickelt und gelangten wider Willen mit der "Brücke von Remagen/Erpel" in die Annalen der Kriegsgeschichte.

Quelle: Unkeler Reporter/Text und Fotos: RÖDER



Die Autoren Brüne und Weiler beleuchten in ihrem Buch unter anderem die Hintergründe, warum die Brücke nicht rechtzeitig gesprengt wurde