Der Bogen der Brücke war einfach weg
General-Anzeiger Bonn vom 22. März 2005

Werner Christmann war im Erpeler Tunnel, als die Amerikaner die Brücke überquerten – 3,7-Zentimeter-Flak beharkte die Erpeler Ley – Eine Nachbarin starb an dem Schnitt einer Rasierklinge

Heute sitzen sie in ihrem gemütlichen Häuschen in der Erpeler Severinstraße. Bilder aus den Schreckenstagen vor genau 60 Jahren haben sie in einem Geschäft in der Grabenstraße ausgestellt: Annemarie und Werner Christmann vergessen es nicht, das Ereignis, als die Amerikaner am 7. März 1945 die Brücke einnahmen, die als Brücke von Remagen Schlagzeilen in der Welt machte, aber ebenso die Brücke von Erpel heißen könnte. Bei der Ansicht einer alten amerikanischen Wochenschau im Fernsehen, die die Einnahme der Brücke, den Abschuss eines deutschen Kampfsturzbombers und den Einsturz der Brücke am 17. März festhält, kämpft Annemarie Christmann mit den Tränen. Sie sind eben noch voll dabei, bei den schwierigen Tagen vor genau 60 Jahren.

"Wir beobachteten das Geschehen um die Brücke vom Speicherfenster unseres Hauses in der Kölnerstraße, damals Hauptstraße", berichtet die damals 13-jährige Annemarie. "Wir hatten am 17. März nur ein Rumpeln gehört, waren zum Fenster gestürzt und sahen, der Bogen der Brücke war einfach weg. Da wussten wir, es muss etwas passiert sein". Hinausgestürzt sind die Pänz. Ab zur Brücke. Unterwegs lag da ein umgestürzter Lastwagen. Die Ladung ergoss sich über die Straße. "Wir haben uns auf den Bohnenkaffee und die Teepäckchen gestürzt", weiß Werner Christmann noch. Und, dass sich die Nachbarin Maria Wittmann an einer Rasierklinge geschnitten hat. An den Folgen des Schnittes sei sie später gestorben.


Im März 1945 sind ganze Straßenzüge zerstört. Bis zum Einsturz der Ludendorff-Brücke werden deutsche Soldaten über das Bauwerk in die Kriegsgefangenschaft abgeführt. Viele landen in den berüchtigten Rheinwiesenlagern.

Die Christmanns leben heute noch mit der Brücke, haben alle Berichte über das geschichtsträchtige Bauwerk gesammelt. Und über den Tunnel. Schließlich hat der ihnen und zahlreichen Erpeler Bürgern das Leben gerettet. 383 Meter misst das Bauwerk, bot zahllosen Zivilisten und Soldaten Schutz. "Seit dem Bombenangriff am 28. Dezember 1944 auf den südlichen Teil von Erpel im Brückenbereich lebten viele Erpeler tagsüber fast nur noch im Tunnel", erzählt Christmann. Viele hätten im "Zwergenloch" gesessen. Am Morgen des 7. März karrten der ältere Bruder Hans und der 14jährige Werner noch für Franz Müller einen Sack Roggen in die Getreidemühle nach Kasbach. Bei der Rückkehr sei ein ungemein lebhafter Rückzugsverkehr deutscher Soldaten zu sehen gewesen. Nebelgranaten schlugen ein, direkt in die Böschung zwischen Tunnelausgang und Zementbrücke.

Der Vater nahm die beiden Jungen mit in den Tunnel. "Da waren schon unglaublich viele Menschen", erinnert sich Christmann. "Zivilisten und Soldaten." Der Schusswechsel sei immer deutlicher zu hören gewesen, ein Zeichen, dass die Amerikaner näher rückten. Die Brückenbesatzung wäre immer unruhiger geworden. Man habe mitgekriegt, wie über die Sprengung geredet worden sei. Auch über den Fehlversuch. Dann kamen die Amis. "Bei uns schlugen Geschosse mit Leuchtspur im Tunnel ein, wir schmiegten uns dicht an die Wände und zogen uns zurück", erzählt Christmann. Immer wieder sei in den Tunnel geschossen worden. "Schließlich hieß es, dass die weiße Fahne gehisst worden sei und zwar von Willi Feldens."

Als sie dann von GIs aufgefordert worden seien, den Tunnel zu verlassen, habe er Feldens noch sitzen sehen, in gebeugter Haltung. "Erst später haben wir erfahren, dass er an den Folgen eines Bauchschusses gestorben ist." Die Erpeler Bürger konnten gegen 16 Uhr alle nach Hause eilen, in die Keller. Es sei unaufhörlich geschossen worden. Eine 3,7 Zentimeter-Flak beharkte die Erpeler Ley. Das Rollen der einrückenden Panzer hielt unaufhörlich an. Die Kette der sie begleitenden amerikanischen Soldaten hatte keine Lücke. Die Amerikaner errichteten einen Brückenkopf. Bauten ihn auf 25.000-Mann-Stärke aus. Bis zum Einsturz der Brücke am 17. März überquerten 100.000 Soldaten den Rhein.

Text: Rolf Plewa / Fotos: privat