"Alles freut sich, nur Oma und ich haben geweint"
General-Anzeiger Bonn vom 23. März 2005

Willi Feldens wurde in seiner schwarzen Eisenbahneruniform am 7. März 1945 auf der Brücke von Remagen von den Amerikanern erschossen – Seine Frau Maria schrieb Tagebuch

März 1945: Krieg liegt über Deutschland, die Zivilbevölkerung hat Unglaubliches zu ertragen. Keine Familie ohne Tote und Verwundete. Schicksale werden zu Geschichte. Maria Feldens aus Erpel hat ihre aufgeschrieben. In Form eines Tagebuches. "Eigentlich war es ein Poesiealbum mit blauen Blättern", weiß Sohn Karl.

Seltsamerweise hat Mutter Maria es von hinten nach vorne beschrieben. Der heute 67-Jährige hat als Siebenjähriger seinen Vater verloren. Willi Feldens wurde erschossen. Von den Amerikanern - beim Sturm auf die Brücke von Remagen. Es war der einzige Tote, der bei der Überquerung des Rheins, die als Wunder von Remagen in die Geschichte einging, am 7. März 1945 zu beklagen war.

"Es war ein gezielter Schuss", davon ist Karl Feldens überzeugt. Er hat die Ereignisse miterlebt – im Tunnel in eine Nische gepresst. Vater Willi war Heizer bei der Reichsbahn. Drei Jahre war er in Russland gewesen, ein paar Tage vor dem 7. März erst zurück gekommen. "Er trug am 7. im Tunnel seine schwarze Eisenbahneruniform mit den goldenen Knöpfen", erinnert sich Feldens genau. "Überall brannten Kerzen. Es waren viele Menschen da." Ihm als Kind sei die Gefahr nie so richtig bewusst gewesen, doch habe er gespürt, welche Angst die Erwachsenen hatten.

Gegen 15 Uhr dann die Aufforderung: "Alles auf den Boden, die Brücke wird gesprengt." Dann der leichte Rumms. "Die Brücke steht noch", habe einer gerufen. "Vater sagte, ich gehe mal schauen, was los ist." Von der Zementbrücke in Erpel aus sei ununterbrochen geschossen worden. "Vater ist nach vorne geeilt. Aus einem Kinderwagen hat er plötzlich ein weißes Laken gerissen." Das hätten viele gesehen, erzählt Feldens leise. Dann sei der Mann in der schwarzen Uniform zum Ausgang gelaufen, man habe ihn nicht mehr gesehen.

Schüsse fielen. Dann sei jemand gelaufen gekommen: "Vorne liegt der Willi, hat er gerufen." Sie seien zum Eingang gestürzt, da habe er gelegen auf irgendwas drauf. "Mir ist kalt, hat er gesagt. Jemand gab ihm eine Decke und Mutter legte sich mit drunter", erinnert sich Feldens. Er ist davon überzeugt, dass seinen Vater ein gezielter Schuss getroffen hat. Ein Schuss der in Herznähe auf die schwere Brieftasche traf, davon abglitt und als Bauchschuss endete. "Die haben ihn in seiner schwarzen Uniform für einen SS-Mann gehalten", betont er. Und Vater hätte an diese Uniform im Eifer und der Angst nicht gedacht. Man habe ihn dann später in den Bauzug gelegt.


Maria Feldens mit dem kleinen Karli. Sie erlebte den schwersten Tag ihres Lebens in Erpel.

Die schwarze Uniform der Reichsbahn wurde Willi Feldens vermutlich zum Verhängnis


Im Remagener Bahnhof riss Willi Heimer (Mitte) Fahrkarten ab.


Nach der Einnahme der Brücke durch die Amerikaner bestimmten diese auch das Geschehen in Erpel. Der Weg nach Remagen wurde für Zivilisten fast unmöglich

Oma und der kleine Karli schleppten einen Kanonenofen an. Er habe immer Durst gehabt, doch man habe ihm nur die Lippen nässen können. Als die Amerikaner dann über die Brücke waren habe man sie um Hilfe angefleht, doch die hätten gesagt: "Wir haben selbst genug Verwundete." 16 Stunden hat Willi Feldens noch gelebt. "Bei ordentlicher Hilfe hätte er überlebt", ist sein Sohn heute noch überzeugt. Die Mutter wurde zur Witwe. Sie lebte seit Jahren mit dem Tod. Willis Bruder Richard war 1944 als Mariner bei der Infanterie in Aachen gefallen. Karls zwei Jahre älterer Bruder verstarb als Kind 1943. Marias Vater, Willi Heimer, kam bei dem Bombenangriff am 28. Dezember 1944 in Remagen ums Leben.

Maria stammte aus Remagen, die Heimers wohnen heute noch in der Obergasse. Friedhelm Heimer regierte als Richard II. 1984 die Römerstadt. Opa Willi riss nach dem Ersten Weltkrieg die Fahrkarten im Remagener Bahnhof ab. Sohn Karl, den Briefträger, kannte jeder in Remagen als "Jude Morje". "Meine Mutter hatte niemandem mehr, mit dem sie sprechen konnte, deswegen hat sie alles aufgeschrieben", ist Karl Feldens überzeugt. Und das Tagebuch spricht eine eigene Sprache.

Dezember 1944: "In Remagen das Elternhaus verloren. Vater tot, die anderen, die im Keller waren, mit dem Leben davon gekommen. Erpel ganz zerstört. In der Dickgasse das Haus eingestürzt. Im Keller über 50 Menschen, allein 25 Kinder. Erpel hat 7 Tote, Remagen 25. Wohin mit dem Kind schlafen gehen. Keiner kommt und sagt, ihr könnt hier schlafen."

7. März 1945: "Den ganzen Vormittag Rückzug der Deutschen. Ein Wunder, der Amerikaner bombt jetzt nicht. Die Brücke soll gesprengt werden. Die Sprengung ist vereitelt worden, durch den Dolmetscher aus dem Bauzug. Die Amerikaner über die Brücke mit Panzern. Sie schießen in den Tunnel. Panik unter der Bevölkerung. Dann heißt es, die Amerikaner sind da. Alles freut sich, nur die Oma und ich haben geweint.

Eine Ahnung von dem, was kommt. Alles strömt heraus. Mich trifft fast der Schlag. Da liegt der Willi auf den Röhren, mit Decken zugedeckt. Ganz bleich im Gesicht – Bauchschuss. Ich habe mich neben ihn gelegt, mit Decken über den Köpfen. Wieder Beschuss. Tränen liefen ihm aus den Augen. Warum bin ich nicht im Waggon, fragt er. Alle liefen fort, keiner half. Um 7 Uhr kamen Eisenbahner. Sie haben ihn auf einer Leiter in den Waggon getragen. Eine furchtbare Nacht, keine ärztliche Hilfe. Ich habe ihm mit einem Wattebausch in einem Becher die Lippen nass gemacht. Mein Mütterchen helf mir, hat er immer gesagt."

Morgens schlich Maria Feldens dann nach Erpel, um Hilfe zu holen. Ein Amerikaner sagte: "Go home". Sie durfte nicht weiter. Zurück in den Tunnel wurde es Gewissheit: Willi war tot. "Nie mehr wird er sagen, mein Herz, mein Mütterchen." Irgendwann wurden die Feldens nach Hause geschickt. Das Kellerleben unter Artilleriebeschuss begann. Immer wieder sagte Maria Feldens, "geht doch den Willi holen".

Der wäre in Remagen begraben worden, bekam sie mitgeteilt. Erst nach Ostersonntag konnte sie über den Rhein, das Grab suchen. Willi lag nicht auf dem Friedhof. "Ich meine, verrückt zu werden", schrieb sie. Zu Fuß lief sie nach Bad Neuenahr. Auch dort keine Spur. Zum Friedhofswärter, zu den Standesämtern, in Kripp, in Remagen, in Linz und Erpel – keine Spur.

20. November 1945: "Toni kommt zu mir und sagt, sie hätten jemanden gefunden. An der Brücke am Tunnel im Bahndamm. Der Größe nach zu urteilen konnte es der Willi sein. Es war der Willi. An der Hose, Strümpfe, Kopf und Haare habe ich ihn erkannt. Von allen einwandfrei festgestellt, die ihn gesehen haben. Gott sei Dank, dass wir ihn endlich gefunden haben." Gefunden haben ihn Rudi Stöppen und Willi Scholl bei Aufräumungsarbeiten.

Text und Repros: Rolf Plewa / Fotos: privat