Das Glockenkreuz von Erpel und seine Sage
– ein Beitrag zur rheinischen Rechtsgeschichte –

Quelle: Heimat-Jahrbuch 2006 Kreis Neuwied – Autor: Jörg Poettgen

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Am Tag des Servatius-Patroziniums im Oktober 2004 war es wieder so weit, dass nach langer Abwesenheit das steinerne Glockenkreuz, restauriert und an der Rückseite des Rathauses aufgestellt, der Öffentlichkeit von Erpel zurückgegeben wurde.

Jahrzehntelang hatte es nach seiner Entfernung vom ursprünglichen Standort, wo es einem neuen und größeren Kreuz weichen musste, durch die Fürsorge eines Erpeler Bürgers auf privatem Grunde überdauert. Um dieses Kreuz rankt sich die folgende Sage:

"Der Meister der größten und ältesten Glocke in Erpel wollte nach wiederholt missglücktem Versuch den Guss nicht mehr wagen. Während er nun infolge einer notwendigen Reise nicht anwesend war, machte der Lehrling einen neuen Versuch. Und siehe, der Guss gelang ganz vorzüglich. Am Tag nun, an dem der Meister zurückerwartet wird, läuft ihm der Lehrling entgegen, die frohe Botschaft zu vermelden. Auf dem Weg nach dem benachbarten Heister trifft er den Meister. Dieser hat schon von weitem den Klang der Glocke vernommen und ahnt, was geschehen. Als der Lehrling ihm den von ihm gemachten Guss berichtet, verfinstert sich das Gesicht des Alten; in seiner Eifersucht greift er zum Dolch und ersticht den Jungen. Die dankbaren Erpeler aber setzten dem unglücklichen Jungen an der Stelle, an der er niedersank, ein Kreuz."

Natürlich fällt es im 21. Jh. schwer, einer solchen Sage Glauben zu schenken, dennoch muss sich hinter dieser wundersamen Geschichte ein historischer Zusammenhang verbergen. Zu seiner Erhellung ist es erforderlich, Glocke und Kreuz genauer zu betrachten.

Die Osanna-Glocke von 1388

Mit einem Durchmesser von 1.420 mm erreicht diese erste Glocke des Erpeler Geläutes eine respektable Größe, die sich durchaus mit bedeutenden Glocken des 14. Jh. messen kann. Dass sie zudem bereits in der Inschrift das gewaltige Gewicht von 45 Zentnem angibt, zeigt das Selbstbewusstsein des Glockengießers, da dieser das Gewicht ja auf die Glocke schreiben musste, bevor sie gegossen wurde. Insgesamt lautet die einzeilige, zwischen Doppelstegen in gotischen Großbuchstaben (ca. 30-40 mm große Majuskeln) wiedergegebenen Inschrift folgendermaßen, wobei die einzelnen Worte durch drei übereinander stehende Punkte getrennt werden (hier drucktechnisch nur durch einen Doppelpunkt wiedergegeben, ebenso ist die Inschrift entgegen dem Original in Sinnabschnitten untereinander geschrieben):

OSANNA : HEIS : ICH : XLV : ZINT(ner) : VVIGEN : ICH :
GOT : VVAL(t)S : JHESUS : MARIA :
ANNO : D(omi)NI : M° : CCC° : LXXXVIII° : EDITA : SUM:
(Hosanna heiß ich, 45 Zentner wiege ich,
Gott walte es; Jesus Maria
im Jahr des Herrn 1388 bin ich gegossen)

Unterhalb dieser Inschriftzeile der Name des Gießers:
+ MEISTER : HEINR(ich) VAN + GERESREIM +

 


Das Glockenkreuz hinter dem Rathaus nach der Restaurierung 2004


Das Glockenkreuz von Erpel im Jahre 1966 (Zeichnung von Hans Vogts)


Osannaglocke (1388). Durchreibung der Inschrift mit der Jahreszahl M° CCC° LXXXVIII°
und dem Gießernamen [HEINRICH VA]N + GERESHEIM

Der Glockenname "Osanna" war im Mittelalter häufig anzutreffen. Er bezieht sich auf den "Hosanna-Ruf" der Präfation und deutet damit an, dass diese Glocke zur Messfeier (am Sonntag) geläutet wurde. Bedeutsam ist ferner die Verwendung der Volkssprache in einer Glockeninschrift, was gerade zu dieser Zeit erst begann. Völlig unverstanden war bisher der Passus "GOD WAIS", da statt des "I' ein "L" zu lesen ist und es sich hierbei um eine verkürzte Wiedergabe des Gebetsrufes "Gott walte es" handelt, wie er in der zweiten Hälfte des 14. Jh. gerade am südlichen Mittelrhein mehrfach anzutreffen ist, so etwa 1379 auf der Glocke des Meisters Johann von Frankfurt in Boppard wie auch auf fünf weiteren zeitgleichen Glocken im Rheingau. Dies deutet darauf hin, dass der Gießer der Erpeler Glocke, Heinrich von Gerresheim, kaum – wie bisher angenommen – mit dem Kölner Meister gleichen Namens identisch ist, da dessen Inschriften in Minuskeln geschrieben sind und seine früheste Glocke auch erst aus dem Jahr 1397 stammt. Außerdem verwendete er einen ganz anderen Inschrifttypus.

Das Kreuz

Das Kreuz, das ehemals an der Ecke Heisterer Straße/Depenweg stand, ist recht schnell beschrieben, da es – nach erneuertem Fuß – mit etwa 80 m Höhe und 40 cm Breite nur bescheidene Ausmaße hat. Ebenso sind die Angaben seiner Inschrift bald wiedergegeben, umfassen sie doch nur in der Mitte die Darstellung einer Glocke in Umrisslinien mit einem eingezeichneten Kreuz und auf den seitlichen Kreuzesarmen die Zahlen 13 sowie 88 für das Jahr.

Hier fällt sofort auf, dass auf dem Kreuz dieselbe Jahreszahl steht wie auf der Glocke, allerdings nicht in römischen Ziffern, sondern in arabischen, wie man sie heutzutage schreibt. Nun sind aber arabische Ziffern im Rheinland erst um 1500 anzutreffen, so dass die Ursprünglichkeit der Jahreszahl fraglich ist, zudem sind die Ziffern sehr akkurat geschrieben, während die Zeichnung der Glocke etwas unbeholfener erscheint. Auch bei der im Jahre 2004 durchgeführten Restaurierung des Kreuzes durch den Steinmetz Johannes Hartmann aus Bruchhausen zeigte sich, dass die Jahreszahl nur mit einer einzigen Farbschicht bemalt war, während sich auf der Glockenzeichnung drei Schichten aus unterschiedlichen Zeiten übereinander befanden.  
Detail des Glockenkreuzes (Aufnahme 2004)

Man wird also davon ausgehen müssen, dass die Jahreszahl erst später angebracht wurde. Gleichwohl scheint das Kreuz sehr alt zu sein. Allerdings besteht es nicht – wie früher angegeben – aus Basalt, sondern – nach den Angaben von Hartmann – aus dem Trachyt des Drachenfelses.

Zur Beantwortung der Frage nach dem Alter des Kreuzes ist ein Vergleich mit anderen Kreuzen angebracht. Hier findet sich eine ausgezeichnete Abhandlung aus dem Jahr 1966 durch den damals in Linz wohnenden früheren Kölner Stadtkonservator Hans Vogts über "Die Inschriften der alten Grabdenkmäler und Wegekreuze der ehemaligen kurkölnischen Ämter Linz/Altenwied". Die darin aufgeführten Grabkreuze bestehen nahezu ausschließlich aus Basalt und haben einen gleichgestalteten Aufbau. Die ältesten stammen aus dem 16. Jh. und stehen in Linz, das älteste Kreuz in Erpel stammt hingegen erst von 1621.

In der Regel befindet sich in der Mitte ein Wappenschild der Familie des Verstorbenen mit Hausmarke, der Name des Verstorbenen ist entweder mit den Initialen angegeben oder ausgeschrieben.

Im Vergleich zu den Basaltkreuzen, die eindeutig als Sterbekreuze zu verstehen sind und auch auf einem Friedhof stehen, gibt es für das Erpeler Glockenkreuz folgende Unterschiede:

  • Der Standort ist nicht ein Friedhof, sondern die ehemalige Pfarrgrenze zwischen Erpel und Heister.
  • Das Material besteht nicht aus Basalt, sondern aus Trachyt.
  • Die Zeichnung der Glocke ist nicht in einer Wappenkartusche geschrieben und somit nicht als Hausmarke einer Familie zu verstehen, auch fehlen Angaben für eine Identifizierung des Verstorbenen.
 
Eingemauertes Grabkreuz (Basalt) auf dem alten Friedhof in Linz mit Jahreszahl 1575, darunter Hausmarke in Renaissanceschild und Initialen PG

Aus all dem ist nur zu folgern, dass es sich nicht um das Grabkreuz eines Toten handelt, sondern eine andere Bedeutung haben muss.

Das Weistum von 1388

Wenn man davon ausgeht, dass dieses Kreuz älter ist als die aufgeführten Grabkreuze, kommt man etwa in die Zeit des 15. Jh., d.h. dem Jahr des Glockengusses von 1388 recht nahe. Auch wenn die Jahreszahl auf dem Kreuz nicht ursprünglich ist, besteht offensichtlich doch eine Beziehung zwischen dem Kreuz und der Osanna-Glocke.

Hierzu fügt sich die Aufschrift an der sog. Zehntscheuer (Fronhof) des Kölner Dornstiftes am Erpeler Rheinufer an, auf der die Worte stehen: "Herrlichkeit Erpel 1388". Auch diese Inschrift ist zwar nicht original, erinnert aber an ein Rechtsbuch, das die Schöffen des Hochgerichtes Erpel in eben diesem Jahre verfasst hatten. Dies ist nun allerdings ein äußerst bedeutsames Zusammenfallen mit dem Guss der Osanna-Glocke, wie nun aufzuzeigen ist. Wer die Geschichte des Ortes Erpel kennt, weiß, dass er ursprünglich dem Erzbistum Köln gehörte und der Kölner Erzbischof Friedrich von Schwarzenburg (1100-1131) ihn mit allen Rechten an das Domkapitel schenkte, das dort auch einen Fronhof hatte.  
Fronhof mit Aufschrift" Herrlichkeit Erpel 1388"

Zusätzlich hatte der Erzbischof das Kapitel als seinen Gerichtsvertreter bestimmt, der das sog. Öffentliche Gericht abhalten musste. Dieses bestand in Erpel nicht nur aus dem Niedrigen Gericht, zu dessen Aufgaben etwa die Regelung der markt- und grundrechtlichen Vorgänge wie Festlegung der Lesezeiten in den Weinbergen oder Verkauf und Vererbung von Grundstücken gehörten, sondern auch aus dem Hohen Gericht, das auch Strafsachen umfasste und somit über Leben und Tod entschied. Zu diesem Gericht gehörten sieben Schöffen. Der Gerichtsbezirk umfasste die ganze "Pfarrei und Mark Erpel", d.h. das kirchliche und weltliche Gebiet des Ortes, das jedoch weitgehend identisch war.

Im Jahr 1388 nun wurden die Rechtsbräuche neu geregelt und aufgeschrieben. Hierzu gehörte u.a. auch die Einberufung des "gebotenen Dinges" (festgelegter Gerichtstag) im Herbst, wenn ein Domherr mit dem Schiff von Köln kam und der "Kirchspielsmeister (der heutige Bürgermeister) die Abendglocke geläutet" hatte (primus pulsus serotinus per magistrum parochianorum).

Dies erweckt nun den Anschein, dass offenbar die im gleichen Jahr gegossene Osanna-Glocke nicht nur kirchliche, sondern auch kommunale Aufgaben, nämlich die Ankündigung öffentlicher Termine, erfüllt hat. Auch bei anderen Glocken dieser Epoche findet man derartige Funktionen. So trägt sogar die nur wenige Jahrzehnte ältere "Sturmglocke" im nicht weit entfernten Oberpleis (sie steht heute beschädigt vor der Kirche als Kriegerdenkmal) diese Aufgabe in ihrer Inschrift, in der es in der doppelten Aussage der lateinischen Amtssprache und der deutschen Völkssprache heißt:

SUM VILLANORUM SALTEM SED NON MONACHORUM
MEN SAL MICH LUDIN ZU STORME
(Ich gehöre den Bürgern, nicht den Mönchen der Propstei.
Man soll mich läuten bei Sturm.)

Für Oberpleis und zahlreiche andere Orte des ehemaligen Siegkreises hat Robert Flink in einem Beitrag über "Die Sturmglocke von Oberpleis in ihrer rechtsgeschichtlichen Bedeutung" die Funktion und Wirkweise solcher kommunalen Glocken aufgezeigt. Fast überall erfüllte eine Glocke die Aufgabe, zu öffentlichen Terminen zu rufen und es waren alle verpflichtet, "soweit sich selbiger klockenschlagh erstrecken thut", so dass die Bezeichnung "Glockenschlag" ein fester Begriff im mittelalterlichen Rechtsleben darstellte.

Hier nun schließt sich der Kreis zu unserem Glockenkreuz, das genau an der Grenze von Markt und Pfarrei Erpel zum Nachbarort Heister stand. Es liegt nun auf der Hand zu vermuten, dass mit diesem Kreuz und der darauf abgebildeten Glocke die kirchliche und kommunale Grenze der Herrlichkeit Erpel angezeigt werden sollte, soweit die Osanna-Glocke ihre Rechtsbedeutung hatte.

Wie kam es jedoch zu der Sage, dass der Glockengießer seinen Lehrling erschlug? Auch dieses Rätsel wird durch die Rechtsfunktion der Glocke erklärt, denn die genannte Sage erzählt man sich nicht nur in Erpel, sondern vielfach von Glocken, die eine gleiche Funktion hatten. Am bekanntesten ist die Ballade "Der Glockenguss zu Breslau" von dem Dichter Wilhelm Müller (1794-1827), dessen Lied "Das Wandern ist des Müllers Lust" oder den von Franz Schubert vertonten Liederzyklus "Die schöne Müllerin" jedermann kennt.

 
Ursprünglicher Standort
des Glockenkreuzes mit Nachfolgekreuz

Auch in dieser Ballade erschlägt der Glockengießer seinen Lehrjungen, weil er unerlaubt eine Glocke gegossen hat. Als der Meister zum Tode verurteilt wird, bittet er, auf seinem letzten Gang noch einmal die Glocke hören zu dürfen. Der vollständige Text dieser Ballade ist hier nachzulesen.

Diese Sage erklärt somit den Brauch, dass in Breslau die größte Glocke des Domes, die mit ihrem Gussjahr von 1386 fast gleichzeitig mit der Erpeler Osanna-Glocke gegossen wurde, nach einem Gerichtsbeschluss einen zum Tode Verurteilten mit ihrem Geläut begleitete. Deswegen hieß sie die "Arme-Sünderglocke". In gleicher Weise wurde auch in Köln die Dreikönigenglocke, 1418 gegossen, ebenfalls "Gerichtsglocke" (juridica) oder auch "Arme-Sünderglocke" genannt. Zu den zahlreichen Wiederholungen dieser Begebenheit gehört auch eine Novelle von Theodor Storm mit dem Titel "Die Armesünderglocke".

Es ist also naheliegend, dass man in Erpel diese Sage auf das Grenzkreuz übertragen hat, auf dem eine Glocke gezeichnet ist, um den Rechtsbereich der Herrschaft Erpel anzuzeigen. Ob aber in Erpel jemals ein Bürger zum Tode verurteilt wurde, ist nicht bekannt. Dennoch kündet das wieder aufgerichtete Glockenkreuz davon, dass Erpel vor vielen hundert Jahren einen eigenen Rechtsbereich darstellte.

Quellen und Literatur:
Erpel am Rhein, 1388 bis 1988. 600 Jahre Kirchenglocke Osanna, 600 Jahre 1388er Weistum. Hrsg. Verschönerungs- und Verkehrsverein Erpel am Rhein, 1988.
Lamprecht, Karl: Die Herrlichkeit Erpel. Ein wirtschafts-, social- und verfassungsgeschichtliches Paradigma. In: Beiträge zur Geschichte vornehmlich Kölns und der Rheinlande. Zum 80. Geb. Gustav Mevissens dargebracht von dem Archiv der Stadt Köln. 1895. S. 1-26.
Flink, Robert: Der Kirchturm und die Sturmglocke von Oberpleis in ihrer rechtsgeschichtlichen Bedeutung. In: Heimatblätter des Siegkreises 66 (1953), S. 33-42.
Kemp, F.H.; Schäfer, J.; Vogts, H.: Die Inschriften der alten Grabdenkmäler und Wegekreuze der ehemaligen kurkölnischen Ämter Linz/Altenwied (Rheinische Friedhöfe, 3. Heft), 1966.
Poettgen, Jörg; 700 Jahre Glockenguß in Köln, Meister und Werkstätten, 1100-1800. (Arbeitshefte der rheinischen Denkmalpflege 61), 2004.
Für mündliche Auskünfte danke ich Bernd Walbrück, Erpel.

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