Erpeler kritisieren Beitrag im Neuwieder Heimatbuch
Blick aktuell Nr. 1 vom 5. Januar 2006

Zahlreiche fehlerhafte Aussagen: Offensichtlich ohne Ortskenntnisse sind dem Autor des Glockenkreuz-Beitrags eine Reihe gravierender Fehler unterlaufen

Die geschichtsbewussten Erpeler, allen voran Bürgermeister Edgar Neustein, trauten ihren Augen nicht, als sie den Beitrag "Das Glockenkreuz von Erpel und. seine Sage" im neuen Heimat-Jahrbuch des Kreises Neuwied (Seite 110 bis 116) lasen. Der Artikel enthält zahlreiche fehlerhafte Aussagen, die dringend einer Korrektur bedürfen, weil sie Grundlage der Bewertung des Glockenkreuzes durch Jörg Poettgen sind. Die Bewertung des Kreuzes ist auf keinen Fall haltbar, da sie auf falschen Annahmen beruht, erklärt der Orts-Chef. So wunderten sich die Erpeler nicht nur, dass sie zumindest indirekt in Beziehung zum Servatius-Patrozinium gebracht wurden, ist doch bereits sehr früh und bis heute, einer der ersten Erzbischöfe von Köln, der heilige Severinus ihr Patron, durch den sich auch die enge Beziehung des Ortes zur Domstadt dokumentiert. Völlig überrascht aber waren ortskundige Bürger der "Alten und Freien Herrlichkeit", als sie in dem Artikel erfuhren, das Glockenkreuz habe ursprünglich an der Ecke Heisterer Straße/Depenweg gestanden, dem heutigen südlichen Teil der Sebastianstraße. Bis ins Mark traf sie die Behauptung, das Kreuz habe damit an der "Grenze von Markt und Pfarrei Erpel zum Nachbarort Heister" (Seite 115) gestanden und die ehemalige Pfarrgrenze zwischen Erpel zum Nachbarort Heister" (Seite 113) markiert.

Eine kurze Anfrage vor Ort, etwa bei Pfarrer Günter Lülsdorf, hätte dem Autor klar gemacht, dass es eine solche Pfarrgrenze nie gab und dass sie selbst heute noch nicht existiert", erklärt Edgar Neustein. Tatsächlich gehörte Heister seit jeher, zumindest vermutlich seit der Schenkung des Erpeler Gebiets an das Domkapitel im 12. Jahrhundert, bis 1803 zur "Herrlichkeit Erpel", zu der außerdem auch noch Orsberg, Bruchhausen und Niederkasbach zählten. "Niederkasbach wurde später Kasbach zugeschlagen, der heutigen Doppelgemeinde Kasbach-Ohlenberg. Bruchhausen, Orsberg und Heister wurden zunächst eigenständige Gemeinde, was für Bruchhausen heute noch gilt, während Orsberg 1968 zur Gemeinde Erpel kam. Heister, das sich immer Erpel verbunden fühlte, wurde erst 1936 gegen den erklärte Willen der Bürger in die Stadt Unkel eingemeindet", betont Neustein. Trotz dieser kommunalen Zuordnung zu Unkel gehört Heister heute noch zur Pfarrei Erpel. Eine in dem Artikel angenommene Grenze zwischen Erpel und Heister kann es also nie gegeben haben. Dagegen findet sich noch heute ein Grenzstein an der Eschenbrender Straße, früher Heisterer Gebiet, der die Grenze zwischen den Pfarreien Unkel und Erpel markiert.

Geschichtsverfälschende Aussage

Abgesehen von dieser geschichtsverfälschenden Aussage ist eben auch der angegebene Standort des Glockenkreuzes falsch, moniert der Bürgermeister. Der wahrscheinliche Standort sei ursprünglich an der alten Heerstraße, dem heutigen südlichen Teil der Sebastianstraße gewesen. "Außerdem ist das auf Seite 115 abgebildete ›neue und größere Kreuz‹ auch nicht das Nachfolgekreuz des Glockenkreuzes. Beide stehen weder zeitlich noch örtlich in irgendeiner Beziehung", betont Edgar Neustein. Das auf der Fotografie zu sehende Kreuz ist bei alteingesessenen Erpelern als "Broicher Kreuz" bekannt und stand Luftlinie etwa 300 Meter vom Standort des Glockenkreuzes entfernt. Das heutige Kreuz an der Ecke Heisterer Straße/Depenweg wurde nach dem zweiten Weltkrieg als Ersatz für ein zerstörtes älteres Kreuz an dieser Stelle errichtet.

"All das hätte der Autor von älteren Bürgern ohne Schwierigkeiten erfahren können, ebenso wie die Tatsache, dass Fronhof und Zehntscheuer unterschiedliche Gebäude waren", stellt der Bürgermeister etwas ärgerlich fest. Schließlich diene das Heimatbuch vielen als Nachschlagewerk. Von daher bestehe durchaus die Gefahr, dass diese Fehler in anderen Büchern und Artikeln übernommen und damit tradiert würden. Die Aufschrift "Herrlichkeit Erpel 1388" stehe auf dem Fronhof, während die Zehntscheuer bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts abgerissen wurde. Absolut falsch ist auch die Aussage von Jörg Poettgen hinsichtlich der Erpeler Gerichtsbarkeit: "Ob aber in Erpel jemals ein Bürger zum Tode verurteilt wurde, ist nicht bekannt!" Ein in Erpel geführter Prozess, der über die Region hinaus bekannt sein dürfte, ist der gegen die Buchhausenerin Katharina von Spee. "Dem Wahn der damaligen Zeit folgend, war die Frau als Hexe angeklagt worden und wurde am 20. September 1631 auf dem Erpeler Kirchplatz zum Tode. verurteilt. Das Urteil wurde anschließend auf dem heute noch sichtbaren Verbrennungsplatz im Kasbachtal vollstreckt", erinnert Edgar Neustein an die Geschichte, die man einschließlich der Foltermethoden in einer Broschüre von Pfarrer Elmar Wiegelmann nachlesen kann, die in der frisch restaurierten Pfarrkirche des kleinen Wallfahrtsort zum Kauf ausliegt.

Was bleibt von dem Artikel über das Glockenkreuz? Natürlich einerseits die bekannte Sage vom Mord des Meisters an seinem beim Glockenguss erfolgreichen Lehrling und die Hinweise auf die Wanderlegende der "Armsünderglocken". Generell richtig sind auch die Bemerkungen zu kommunalen Funktionen der Kirchenglocke in früheren Jahren. Ob sie der Erpeler Osanna-Glocke von 1388 auch zukamen, ist jedoch ebenso wenig belegt wie ihre direkte, zeitnahe Verbindung zu dem Glockenkreuz, dessen Jahreszahl 1388 eindeutig wesentlich später eingraviert wurde. "Aus den notwendigen Korrekturen an dem Artikel von Jörg Poettgen ergibt sich andererseits ganz klar, dass der Untertitel ›Ein Beitrag zur rheinischen Rechtsgeschichte‹ nicht haltbar ist, da die rechtsrelevanten Annahmen ausnahmslos falsch sind", fällt Edgar Neustein ein abschließendes Urteil.

Text: -DL-

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