Als die katholische Kirche in Erpel in Aufruhr geriet
Blick aktuell Nr. 9 vom 2. März 2006

Die Folgen des Kulturkampfes in Erpel – Lehrer Philippsen und sein Protest

Erneut begab sich der Unkeler Heimatforscher und Stadtarchivar Rudolf Vollmer auf historische Spurensuche in der Verbandsgemeinde Unkel. So recherchierte er nach vorliegenden Akten auch folgenden fast schon "unglaublichen" Vorfall, der sich vor gut 100 Jahren in der Herrlichkeit Erpel zugetragen hat.

Zum Hintergrund: Auf dem 1. Vatikanischen Konzil – vom 8.12.1869 bis 20.1.1870 – wurde das Unfehlbarkeitsdogma verkündet. Dies besagte: Wenn der Papst mit den Bischöfen und Kardinälen in allgemeiner Glaubens- und Sittenlehre (ex cathedra) ein Dogma verkündet, so ist diese Entscheidung unumstößlich. Gegen diese "Bevormundung" durch den Papst bildete sich in Deutschland ein starker Widerstand, vor allem bei nationalbewussten Theologen. Sie sahen im Unfehlbarkeitsdogma eine starke Überbetonung der römischen (ultramontanen) Kirche. Sie hielten diese Entscheidung "als eine dem überlieferten Glauben der Kirche in Widerspruch stehende und zu verwerfende Neuerung".

Die Folge war eine Abtrennung einer Gruppe von Theologen, die sich "Altkatholiken" nannten, weil sie die "alten" Zustände (vor dem Konzil) zu erhalten wünschten. Vor allem aber vertraten sie einen nationalen "romfreien" Katholizismus. Die Altkatholiken lehnten aber außer dem Primat des Papstes noch das Priesterzölibat, die Ohrenbeichte, den Ablass und den Reliquienkult ab.


Die Erpeler Pfarrkirche "St. Severinus"


Der alte Teil des Erpeler Friedhofes

Während die preußische Regierung die altkatholische Bewegung unterstützte, ging die katholische Kirche mit aller Strenge gegen die "Abweichler" vor. Alle Theologen mussten einen Revers unterschreiben, in welchem sie ihre Zustimmung zu dem Unfehlbarkeitsdogma bestätigten. Wer nicht unterschrieb, wurde von seinem Amt suspendiert.

Pfarrer Stolten in Unkel und Pfarrer Wurm in Erpel taten sich besonders im Kampf gegen den Altkatholizismus in unserer Region hervor. Daher breitete sich eine große Empörung in Erpel aus, als 1876 der altkatholische Lehrer Philippsen nach Erpel versetzt wurde. Volksschullehrer Philippsen war Lehrer an der Volkshochschule in Mesenich/Mosel. Als dem dortigen Pfarrer Lucas, als Folge des Kulturkampfes, die Schulaufsicht und die Erteilung des Religionsunterrichts entzogen wurde, erteilte der bekennende Altkatholik Philippsen den Religionsunterricht an der Mesenicher Volksschule. Da er aber öffentlich für seine religiöse Meinung eintrat und die Unfehlbarkeit des Papstes auch im Unterricht vor seinen Schülern leugnete, beschwerten sich die Eltern der Schüler und verlangten eine Versetzung des "ketzerischen" Lehrers. Schließlich wurde er im Oktober 1876 an die zweiklassige Volksschule in Erpel versetzt. Auch in Erpel verbreitete er sein altkatholisches Gedankengut. Die Erpeler Eltern beschwerten sich und erreichten, dass Lehrer Philippsen keinen (katholischen) Religionsunterricht mehr geben durfte. Als er aber einige Schriften gegen die Unfehlbarkeit des Papstes verteilte, war dies ein Grund, ihn nach Heddesdorf/Neuwied zu versetzen. Der Protest des Heddesdorfer Lokal-Schulinspektors erwirkte jedoch eine Rückversetzung von Lehrer Philippsen nach Erpel. Als 1886 die Lehrerstochter starb, wurde diese gegen den Widerstand der Kirche auf dem katholischen Kirchhof durch einen altkatholischen Geistlichen begraben, was in Erpel für große Aufregung sorgte, denn damals hatten Protestanten und Juden ihre eigenen konfessionellen Friedhöfe. Um solche Zwischenfälle zu verhindern, wurde auf dem katholischen Friedhof ein Platz abgesteckt, in dem in Zukunft Altkatholiken begraben werden sollten. Die Beschwerden der Erpeler Bürger, den altkatholischen Lehrer aus religiösen Gründen zu versetzen, schlugen auch weiterhin fehl.

Am 21. April 1889 lehnte die Behörde die Versetzung Philippsens mit folgender Begründung ab: "Die stattgehabten Ermittlungen haben ergeben, daß das Verhältnis des Philippsen zu den Eingesessenen der Gemeinde Erpel ein befriedigendes ist und durch seine kirchliche Stellung weiter nicht berührt wird." Als am 18. Dezember 1890 Lehrer Philippsen starb, ohne sich mit der katholischen Kirche versöhnt zu haben, ordnete der Schulinspektor und Bürgermeister von Altrock an, dass der Leichnam auf dem Erpeler Friedhof in der Reihe der Katholiken und nicht auf dem "Altkatholischen Platz" begraben werden sollte. Dies hatte den Protest des Erpeler Kirchenvorstandes und des Pfarrers zu Folge, was aber nichts nutzte. So wurde Philippsen am 21. Dezember 1890 durch einen altkatholischen Geistlichen aus Bonn auf dem katholischen Friedhof begraben. Für Empörung hatte eine weitere Anweisung des Local-Schulinspektors von Altrock gesorgt: Er hatte angeordnet, dass die Schulkinder hinter dem Sarg auf den Friedhof gehen und am offenen Grabe ein Lied singen sollten. Der Erpeler Pfarrer aber hatte die Schulkinder angewiesen, mit dem Begräbniszug nur bis an die Kirchhofsmauer zu gehen. Er hatte aber verboten, den Kirchhof zu betreten und der Predigt am Grabe zuzuhören, bzw. dort ein Lied zu singen.

So kam es, dass beim Begräbnis nur ein Teil der Schuljugend zugegen war, die am Grab ein Lied sang. Zwei Tage später erschien jedoch der Bürgermeister von Altrock in der Erpeler Schule und ließ alle Schulkinder, die am Begräbnis des Lehrers nicht teilgenommen hatten, vor der versammelten Schülerschaft antreten und sie nach dem Grund ihres Nichterscheinens beim Begräbnis zu befragen. Als er als Antwort erhielt, die Eltern und der Pfarrer hätten es verboten, sagte der Bürgermeister: "Ich bin der Meister in der Schule und nicht der Pastor". Bei einer anderen Gelegenheit rügte er auch die katholische Lehrerschaft, die nicht an dem Begräbnis teilgenommen hatte. So sorgte die erzwungene Teilnahme am Begräbnis eines "andersgläubigen" Lehrers für große Aufregung in Erpel, was heute nur noch schwer verständlich ist.

Text und Fotos: - RÖDER -