Des Wanderers Lust führt über den Rheinsteig
General-Anzeiger Bonn vom 10. März 2003

Vom Bonner Hofgarten geht es ins Siebengebirge und über Erpeler Ley und Loreley auf den Neroberg

"Warum ist es am Rhein so schön?" Wer die Antwort noch nicht weiß, dem kann bald geholfen werden. Am Sonntagmittag fiel auf der Internationalen Tourismus Börse (ITB) in Berlin der Startschuss für den "Rheinsteig", ein länderübergreifendes Projekt für einen 300 Kilometer langen Wanderweg von
Bonn über Koblenz nach Wiesbaden. Die Wirtschaftsminister Harald Schartau (NRW), Hans-Artur Bauckhage (Rheinland-Pfalz) und Dieter Posch (Hessen) stellten die Pläne vor.

Bauckhage stellte klar, dass des Wanderers Lust auch eine wirtschaftliche Dimension hat. Er sprach von einem "Produkt, das wir nur gemeinsam vermarkten können". Dann aber würden alle drei Länder vom besonderen Charme durch die Erkundung des Mittelrheintals profitieren.


Der Wanderweg führt unter anderem durch das reizvolle Kasbachtal

Der neue Wanderweg wird auf 300 Kilometern durch Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Hessen führen

Posch räumte selbstkritisch ein, dass man zu lange zu kleinteilig gedacht habe. Man müsse an größere Begriffe anknüpfen - wie eben den Rhein - um für heimatlichen Tourismus zu werben. Schartau, durch dessen Land nur 30 Kilometer des Weges verlaufen – in Rheinland-Pfalz sind es 180 und in Hessen 90 Kilometer – lobte vor allem die Wahl Bonns, das sich hervorragend als Start und Ziel eigne. Es sei eine "herausragende wirtschaftliche Aufgabe, so etwas schönes, reizvolles und herausforderndes zu konzipieren".

Achim Schlömer, stellvertretender Geschäftsführer der Rheinland-Pfalz-Tourismus-GmbH, moderierte die Konferenz auf dem Messestand und steuerte einige Fakten bei. Im Lauf des Jahres werde man mit den Kommunen entlang des Weges Fragen der Finanzierung und Details, wie etwa Wegerechte, besprechen. 2004 solle die Vermarktung des Rheinsteigs beginnen. Gefragt, wie es mit dem Geld für den Wanderweg aussehe, antwortete Bauckhage diplomatisch: "Wir drei würden nicht hier stehen, wenn das nicht finanzierbar wäre."

Rainer Brämer, er leitet an der Universität Marburg die Forschungsgruppe Wandern, hat den Rheinsteig konzipiert. Seine Route soll auch erfahrene Wanderer anspruchsvoll fordern und gleichzeitig an den schönsten und interessantesten Sehenswürdigkeiten entlang führen. Seine Strecke verläuft vom Bonner Hofgarten durch die Rheinaue, das Siebengebirge mit Petersberg, Drachenfels und Löwenburg. In Rheinland-Pfalz liegen solche Schätze wie Erpel mit der Ley, Linz, Ehrenbreitstein, die Burgen Maus und Katz sowie die Loreley und in Hessen Sehenswürdigkeiten wie der Mäuseturm, die Benediktiner Abtei Sankt Hildegard, die Ruine Scharfenstein und vieles mehr am Wegesrand. Endstation ist der Neroberg in Wiesbaden.

Welche kulinarischen Köstlichkeiten und welchen Wein die gewachsene Traditionsgastronomie in den hübschen Städtchen am Weg zu bieten hat, ist weltweit bekannt. Pluspunkte sind zudem die guten Verkehrsanbindungen und der leicht erreichbare Rheinburgenwanderweg zwischen Koblenz und Bingen am gegenüberliegenden Rheinufer. Brämer denkt auch an eine Verbindung von Rheinsteig, Rothaarsteig und dem thüringischen Rennsteig zu einem "Spitzentrio" und ist sicher: Der Rheinsteig hat das Zeug zu einem "Wandertrail von Weltrang". Eine solche "Konzentration an Kultur- und Naturattraktionen" habe kaum ein anderer Weg zu bieten. Auch Brämer sieht das wirtschaftliche Potenzial des Weges. Zwölf Milliarden Euro stark sei der Wandermarkt, auf dem sich Reiseveranstalter und Wanderausstatter tummelten.

Wandern - oder moderner Trekking - ist in: Die Leidenschaft auf Schusters Rappen ist bei weitem nicht nur etwas für Heimatfreunde älteren Semesters, sondern durchaus auch für junge Leute. Alle sind nach Bremers Erkenntnissen keine Billigurlauber, sondern anspruchsvolle und durchaus konsumfreudige Touristen. Wenig Verständnis hat er dafür, dass der Rhein mit seinem enormen Potenzial so lange nicht im Zusammenhang gesehen und entsprechend genutzt wurde. Nur zu einem Fünftel der Strecke läuft der Rheinsteig auf dem Pfad des Rheinhöhenwegs. Viel öfter berührt er historische Monumente und führt hinauf zu Burgen und Felsgipfeln. Abenteuerliche "Wald- und Felspfade sollen das Wanderherz höher schlagen lassen".

Brämer denkt aber noch weiter, denn einen Mangel habe der Rheinsteig. Mit seinen 300 Kilometern sei er nach internationalen Maßstäben recht kurz, 1.000 Kilometer lange Strecken seien keine Seltenheit. Bis zur Quelle des Rheins könne man den Rheinsteig fortsetzen, dann wäre er nicht nur ein bundesländerübergreifendes Element, sondern gar international. In die Schweiz ginge es dann durch den Odenwald und weiter durch den Schwarzwald.

Text: Andreas Helfer/Foto: Frank Homann