Alles, was Uniform trug, kam in Gefangenschaft
General-Anzeiger Bonn vom 4. April 2005

Zeitzeugen: Beamte der Reichsbahn lebten gegen Ende des Zweiten Weltkrieges gefährlich – Wer kein Parteimitglied war, wurde zwangsrekrutiert


REMAGEN/ERPEL. Heinz Kleebach ist heute noch Eisenbahner, auch wenn er schon seit Jahren auf dem Altenteil sitzt. Sozusagen im Unruhestand, denn den Remagener Bahnhof geht er fast täglich aufsuchen. 47 Jahre hat er mit den Schienen verbracht, sein Vater und sein Großvater auch. Und zahlreiche der Kleebachs, ob einem oder mit zwei "e", waren bei der Reichs- oder später bei der Bundesbahn. Der Remagener Bahnhof war und bleibt die Drehscheibe zwischen Rhein- und Ahrstrecke. Seit dem Jahre 1918 galt es, auch das Sinziger Gleisdreieck mit Anschluss an die Ludendorffbrücke zu versehen. Das Drama an der Ludendorffrücke bei der Eroberung der Amerikaner am 7. März, bei der der Eisenbahner Willi Feldens sein Leben lassen musste, berührt die Kleebachs denn auch tief. Schließlich waren es Eisenbahner, die versucht hatten, Feldens Leben zu retten. Vergebens.

Kleebach erinnert sich noch gut an die letzten Monate des Zweiten Weltkrieges, die er als Zwölfjähriger im Lager des Reichsarbeitsdienstes (RAD) in Remagen verbracht hat.
"Als die Amis am 7. März die Brücke genommen hatten, wurden die deutschen Soldaten als Gefangene über die B 9 abtransportiert, das sahen wir von der Bergstraße aus." In die Stadt seien die Pänz geschlichen, erzählt er, "immer an der Wand lang". Und nicht nur die Soldaten seien gefangen genommen worden, "alles, was Uniform trug, wurde erst einmal das Gewehr vor die Brust gehalten", weiß Kleebach, egal ob es Eisenbahner oder Postler gewesen seien. An der alten Post, erinnert er sich, hätten fünf Eisenbahner mit den Händen über dem Kopf mit dem Gesicht zur Wand an der Wand .gestanden: Josef Nikolay, Johann Schäfer, Peter Braun, Karl Rebel und Peter Strohe. Alles Remagener. Sie wurden auf die Wiese der Familie Faßbender an der Birresdorferstraße, Ecke Mohl, in Gefangenschaft gebracht, aber später wieder freigelassen.

Ähnliche Erlebnisse hatte Theodora Klebach. Ihr Vater, Josef Arenz, war ebenfalls bei der Reichsbahn. "Aber nicht in Uniform", betont die 76-Jährige, nur wer ein Parteibuch hatte, wurde Beamter und bekam so eine schöne Bekleidung mit den goldenen Knöpfen. Der Rest trug Arbeitsanzüge. Von der Maristenschule aus, hoch über Remagen, haben sie und ihr Vater den Marsch der Amerikaner über die Brücke nach Erpel hin beobachtet.


Vor dem Erpeler Brückenturm ließ sich Dora Klebach mit Josef Arenz und einem Soldaten der Funkturmbesatzung fotografieren


Tage später hingen die GIs auf Remagener Seite das Schild auf "mit trockenen Füßen über den Rhein"

Über die Birresdorferstraße, vorbei an der verlassenen deutschen Flakstellung, rückten die GIs nach. Auch ihr Vater sei wenig später in Gefangenschaft geraten. Doch er hätte nachweisen können, dass er als Eisenbahher lediglich in Bonn auf die russischen Zwangsarbeiter aufgepasst hatte. Und die hätte er immer gut behandelt. Das sei ihm zugute gekommen, sie hätten wenig später nach Hause gehen können.

Über die Brücke konnten die Klebachs so schnell nicht mehr gehen. Die war für die Zivilbevölkerung gesperrt. Josef Arenz kannte sie wie seine Westentasche. Er war häufig dienstlich im Erpeler Tunnel eingesetzt. Als junges Mädchen besuchte Dora ihn häufig auf der anderen Rheinseite. "Wir waren gut zu Fuß. Als die Brücke noch stand, gab es einen regen Verkehr zwischen Erpel und Linz", erinnert sie sich.

"Wer sich freiwillig zur Reichsbahn nach Rußland meldete, brauchte nicht zur Wehrmacht", weiß Heinz Kleebach. Und das Leben im Krieg in Rußland sei nicht ungefährlich gewesen. Gürtel und Pistolen hätten die Kollegen damals getragen, was Wunder, dass Verwechslungen mit deutschen Soldaten nicht ausgeschlossen werden konnten. In seinem umfangreichen Bildarchiv hat Kleebach noch ein Foto des Remageners Josef Nikolay: 1942 mit Gürtel und Pistole in Rußland - sein Schwiegervater. Er hatte sich geweigert, in die Partei einzutreten, und wurde nach Rußland zwangsabkommandiert.

Abwechselnd mit dem Remagener Robert Gemein galt es, Front- und Lazarett- und Militärzüge quer durch das gefährliche Partisanengebiet zu fahren. Da war die Waffe an der Hüfte ein unbedingtes Muss. Robert Gemein galt als "der kleinste Zugführer der Reichsbahn". Schließlich war er nicht wesentlich größer als lediglich 1,50 Meter. Ein Verwandter von Kleebach, ebenfalls Eisenbahner, ist bei Bad Hönningen bei einem Angriff von Tieffliegern tödlich getroffen worden.

Text und Repros: Rolf Plewa