Die Überfahrt der Zwerge bei Erpel

Wenn die Erpeler einem Fremden ihre Erpeler Ley zeigen, den steilen Basaltabsturz gleich hinter dem Dorf, dann sagen sie: "Man begreift es nicht, wie die Loreley so berühmt werden konnte; unsere Erpeler Ley ist doch viel eindrucksvoller."

Mitten in der senkrechten Felswand öffnet sich ein scheunentorgroßes Loch. Und der Unkeler Fährmann, wenn er mit seinem Bötchen "Christine", voll mit Ausflüglern, hier unten vorbeituckerte, versäumte nie zu berichten: "Da oben in der Höhle, da hat der Drache gewohnt, ehe er auf den Drachenfels umgezogen ist, wo ihn ja dann der Siegfried erschlagen hat."

In Wahrheit führte aus dem Loch heraus eine Seilbahn, mit der die Basaltsteine zum Rhein hinab und auf die Schiffe befördert wurden. Der Stollen geht durch den ganzen Berg bis zur hinteren Flanke der Steilwand, wo der Basalt gebrochen wurde.

Dem Fährmann von Erpel aber ist vor langer Zeit Seltsames widerfahren

Das ist gewesen, als am Rhein noch die Kurfürsten regierten, die zugleich Erzbischöfe waren. Da wurde eines Nachts - der Zwölfuhrschlag war schon vorbei - der Fährmann Pauls in Erpel von der Straße her angerufen, es sei eine Überfahrt zu machen, sehr eilig und dringend und sehr gut bezahlt. Eine dünne Stimme war's, die da drängte und trieb.

Die Frau Pauls sagte, während ihr Mann noch schlaftrunken auf der Bettkante hockte: "Das ist ein Fraumensch! Was die wohl um die Zeit drüben in Remagen will?!" "Hauptsache sie bezahlt," brummte der Fährmann und zog sich die Stiefel an.

"Und dass du mir gleich zurückkommst!" Die Frau zupfte den Mann beim Jackenärmel. Es war bekannt, dass sie ihn scharf hinsichts der ehelichen Treue überwachte. Draußen sah man die Hand nicht vor Augen, obwohl Vollmond im Kalender stand; aber der Himmel war mit schweren Wolken ganz zugehangen. So wunderte der Fährmann sich kaum, dass von seinem Aufwecker nirgends etwas zu erblicken war.

"He, wo seid Ihr?" rief er. Und dieselbe dünne Stimme von vorher antwortete aus der Richtung zum Rhein hin: "Wir sind schon zur Anlege".

Wir? dachte Pauls, also mehr als einer oder eine! Und er fluchte, dass er seine Blendlaterne vergessen hatte. Aber der Kahn schaukelte als dunkler Schatten auf dem Wasser; der Strom hat ja in finsterster Nacht immer ein wenig Licht an der Oberfläche mitgebracht vom Weiß der Schneefelder oben in den Alpen.

Der Fährmann setzte sich also auf die Ruderbank, legte die Ruder in die Dollen, trieb dicht an den Uferrand und wurde nun doch ungeduldig: "Wo bleibt Ihr denn?" - Und er dachte schon, er wäre zum Narren gehalten worden.

Aber da hörte er ein feines Getrappel, von Schrittchen, leichter als Kinderfüßchen den Weg aus Basaltpflaster herab zur Anlege kommen. Kein Laut, keine Stimme war vernehmbar. Das sprang nacheinander in den Nachen. Und sicher war schon ein halbes Dutzend drin, ehe der Fahrmann in seiner Verblüffung zu zählen anfing.




Beim Blumencorso des Weinfestes 2003, welcher unter dem Motto "Sagen und Geschichten vom Mittelrhein"
stand, wurde diese Geschichte vom Nachbarschaftskreis der Severinstraße dargestellt

Gegen fünfzig zu verhaspelte er sich, weil er mit Schrecken bemerkte, dass die Bordwände immer tiefer ins Wasser eintauchten. Und doch war nichts zu sehen, wenigstens die Umrisse seiner Fahrgäste hätten sich doch ein wenig vom lichteren Wasser abheben müssen.

"Jetzt sind wir alle eingestiegen," sagte die Stimme. "Du kannst losfahren!"

Der Fährmann Pauls war kein Feigling, doch der Atem ging ihm rascher, als er nun abstieß und ru-derte, denn es war ihm klar geworden, sein Kahn war voll von unsichtbaren Geistern, die aber durchaus ihr irdisches Gewicht hatten, und wusste man denn, ob sie Gutes oder Böses im Schilde führten! Es geschah nichts Ungewöhnliches während der Überfahrt. Und schon als er den Nachen am Remagener Ufer anband, hörte er wieder den Schritt der vielen kleinen Füße, die über die Bordwand auf den Ufersand sprangen. - Aber er hörte noch etwas anderes: da gab es vor jedem Absprung ein Klingen auf dem rückwärtigen Sitzbrett, so dass der Fährmann die Luft anhielt und die Augen weit aufriss, wenn auch vergeblich, es klang nämlich wie von Silbermünzen. Und wieder kam er mit dem Zählen nicht nach, so viele waren es, mehr jedenfalls, als er je im Leben beieinander gesehen hatte. Mit der Hand zu tasten, wagte er nicht; dabei hat sich, so wird erzählt, schon mancher die Finger verbrannt.

Während er ganz beschäftigt war, seine Aufgeregtheit zu zügeln, kam die dünne Stimme wieder an sein Ohr, ganz nah vom Ufer her. Sie sagte: "Damit du nicht fürchtest, du hättest böses Gelichter übergesetzt, will ich dir erklären, was es mit uns auf sich hat: Wir sind Zwerge und kommen vom Virneberg über Rheinbreitbach. Da haben wir viele Jahrzehnte friedlich und fleißig in den alten Stollen vom Kupferbergwerk gewohnt. Aber jetzt nehmen sie die verfallenen, verlassenen Gänge wieder in Betrieb. Zwanzig, dreißig Bergleute hacken und schaufeln schon dort. Da mussten wir denn ausziehen. Wir wollen ins Brohltal. Da soll's bequeme Höhlen geben."

In dem Augenblick drängte der Vollmond sein großes, gelbes Gesicht durch einen Wolkenriss und ließ alle Welt aufleuchten: die Silbermünzen auf der Heckbank und für zwei Pulsschläge auch den Zwerg am Ufer, der wohl mit Absicht aus seiner Unsichtbarkeit herausgetreten war. Er sah aus wie ein Mann in den besten Jahren, hatte aber einen langen grauen Bart und war kaum drei Spannen hoch, hat der Fährmann später erzählt.

Pauls hat sich von den Silbergulden einen großen Lastkahn angeschafft, hat zwei Knechte eingestellt und fortan Handelsgüter zwischen Neuwied und Königswinter befördert, wobei er zu gesegnetem Wohlstand gelangt ist.

Quelle: Leonard Reinirkens, Geschichtsstationen am Rhein, Verlag Karl Heinrich Bock, Bad Honnef 1998


Hier noch eine andere, kürzere Version:

Ein Schiffer zu Erpel am Rhein ward des Nachts durch ein Pochen an seiner Tür geweckt und laut aufgefordert überzufahren. Er konnte aber niemand sehen. Wie er nun aufstand und seinen Nachen zum Überfahren bereit machte, ist das Fährschiff immer tiefer ins Wasser gesunken, ohne dass er überhaupt jemand einsteigen sah. Als der Kahn endlich kaum noch einen Finger breit aus dem Wasser hervorragte, ward dem Manne zugerufen, er solle jetzt vom Land abstoßen. Wie er glücklich drüben in Remagen ankam, hob sich der Nachen allmählich wieder, woraus er merkte, dass Leute ausstiegen. Das waren die Zwerge, die ihren alten Wohnsitz zu Ohlenberg bei Linz, weil man sie dort beleidigt hatte, verließen und über den Rhein zogen.

Quelle: Sagen des Westerwaldes, gesammelt von Prof. Dr. Helmut Fischer,
herausgegeben vom Westerwald-Verein e.V.