Lug Jöp – ein Erpeler Original
Rheinkiesel Nr. 06 Juni 2006

Wer von den alten Erpelern sich noch seiner erinnert, denkt mit einem Schmunzeln an ihn. Einst spann er Geschichten, Märchen und Pläne, die seine Mitmenschen erfreuen sollten. Eine Affen-Farm auf der Erpeler Ley wollte er errichten; Häuptling bei den Indianern am Mississippi nannte er sich gar. In Erpel begeisterte er seine Zuhörer mit originellen Scherzen und Lügen. Die Rede ist vom »Lügen Jöp«, einem echten Erpeler Original.

Josef Herzmann ist vielen noch unter dem Namen »Lügen Jöp« oder »Ape Jöp« bekannt. Seine Lügen und Scherze sollten einst in einer vierbändigen Buchreihe von Hermann Peltzer festgehalten werden; es erschien jedoch nur ein kleines Heftchen. Die Sammlung fand keine Fortsetzung; Herzmann starb kurz nach Beendigung des ersten Bandes. Den Spaßvogel, der so viele unglaubliche Geschichten erzählte, hat man trotzdem nie vergessen, denn verrückt wie seine Lügen und Scherze war auch sein Leben.

Das Erpeler Original kam am 3. Mai 1892 als Sohn des Landwirte-Ehepaars Anton und Christine Herzmann auf die Welt. Er hatte 11 Geschwister und erlernte wie sein Vater das Maurerhandwerk.


Lug Jöp (Josef Herzmann) mit seinem Äffchen Joe

1924 machte er in einem Eisenbahnabteil mit einem Mädchen Bekanntschaft, welches er eine Woche später heiratete und mit dem er weitere vier Tage darauf nach Brasilien auswanderte!

Nachdem Jöp dort über zehn Jahre bei Expeditionen als Brückenvermesser und Brückenbauer gearbeitet hatte, bewarb er sich um die amerikanische Staatsbürgerschaft, denn ihm hatte das »Deutsche Reich« alle Chancen genommen, in seine Heimat zurückzukehren. Herzmann war Christdemokrat und konnte deshalb das Nazi-Regime nicht gutheißen.

Doch das Schicksal wollte es anders. Man wies ihn aus Brasilien aus; die Gründe dafür bleiben im Dunkeln. 1942 fuhr er mit dem Schiff nach Hamburg. Wieder in der Heimat angekommen, bewarb Jöp sich kurz darauf als Dolmetscher in Leverkusen. Frau und Kinder blieben in Brasilien. Doch das Bestreben, sie nachkommen zu lassen, verebbte mit der Zeit. Heimweh trieb Jöp nach Erpel zurück, denn dort hatte er sich immer wohlgefühlt.

Seine Späße und vor allem Lügengeschichten
drehten sich dann auch häufig um seine geliebte Heimat. So ließ er zum Beispiel Pläne von einer
Affen-Farm auf der Erpeler Ley verlauten, denn er wolle ja den »Fremdenverkehr ankurbeln«. Wegen dieser Affengeschichten wurde Herzmann auch »Ape Jöp« genannt, denn – glaubte man seinen Worten – hatte er zwölf Schimpansen, die für ihn arbeiteten. »Drei in der Marmeladenfabrik, drei als Küchenhilfen und die restlichen sechs in der Kölner Blaskapelle, als Buschmusiker!«. Er hatte sie angeblich aus Amerika mitgebracht. Sie verdienten nun für ihn den Lebensunterhalt. Als ihn eines Tages einer seiner Zuhörer der Lüge bezichtigte und ihn darauf ansprach, dass ihnen Jöp ja noch nie einen Affen gezeigt hätte, schloß Jöp mit ihm eine Wette ab. Er kaufte sich in Köln ein Kapuziner-Äffchen, führte es dem Ungläubigen vor und gewann die Wette prompt.

 
Lug Jöp


Er log, bis sich die Balken bogen,
als glaub er selbst, was er erdacht.
Doch suchet den, den er betrogen:
er hat sie alle froh gemacht.

Lög jeder Lügner so versöhnlich,
fehl List und Trug, fern Falsch und Grau'n,
Arglist und Irrtum hießen fröhlich
von Herz zu Herz Vertrau'n zu bau'n.

Dem Mann des Volkes gilt die Ehre,
der uns vermacht die weise Lehr':
All' was verlogen sich bekehre,
zu der versöhnlich heit'ren Mär!

Jöp nannte sein Äffchen »Joe« und hielt es in seiner Wohnung. Die Beiden waren sich sehr ähnlich. So kehrten sie stets gemeinsam in den hiesigen Gasthäusern ein und tranken dort ihren Schoppen, bis Joe eines Abends jedoch einen über den Durst trank und daraufhin Jöps Wohnung verwüstete. Das Äffchen wurde »in Fürsorgeerziehung« gesteckt. Jöp schenkte ihn einem Privatzoo.

Als Jöp eines Tages gemeinsam mit seinem Freund Toni auf einer Bank am Rhein ein Nickerchen macht, gesellt sich ein Dritter hinzu, ein langer Dürrer mit einer Säbelnase. Erzählend und fragend lässt er die beiden Freunde nicht zur Ruhe kommen. »Sieht aus wie ein alter Geizkragen«, denkt sich Jöp und tippt richtig. »Uns hat es umgehauen« sagt er darauf zu dem Alten. »Beim neuen Wirt, hoch oben auf der Erpeler Ley, gab es Freibier. Bei dem kann heute jeder trinken und essen, soviel er will.« Wie von einer Tarantel gestochen fährt der ungebetene Gast hoch. »Ich hab's eilig«, haucht er »man erwartet mich!« Jöp und Toni lachen sich ins Fäustchen. Sie sind jedenfalls den Quälgeist los. Und sehen ihn noch in Richtung Erpeler Ley entschwinden.

Die Freude am Leben und Lachen verließ Jöp auch nicht, als er 1964 ins Krankenhaus kam. Die Krankenschwestern, die die Geschichten von seiner Zeit bei den »Kallapallos am Mississippi« kannten, nannten ihn »Häuptling«, folglich war der Arzt war sein »Medizinmann«.

Josef Herzmann starb am 17. November 1964 – ein rheinisches Original, von dessen Freude am Leben sich so mancher eine Scheibe abschneiden könnte.

Autor: Kevin Rick